"There’s too much confusion" - frei nach Bob Dylan (1968) und dem Sinowatz Fredl (1983) ist heute wirklich alles sehr kompliziert. Immerhin schreiben wir zwar das Jahr 2021, in dem man der Welt aufgrund etwa des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts eine gewisse oder gar geballte Grundintelligenz attestieren könnte. Doch Vorsicht, Obacht, Gefahr! Der Konjunktiv legt es bereits nahe, die Gegenwart ist auch vom Wiederaufflammen der mit dem Scheiterhaufen eng verwandten Verschwörungstheorien gekennzeichnet, wie man sie spätestens seit der eher nicht so faktenbasierten Hexenverfolgung aus dem Mittelalter kennt.

Globaler Aluhut

Entsprechend regiert heute auch im Protestbereich mitunter die Verwirrung. Wenn beispielsweise ein vom US-Präsidenten höchstpersönlich aufgehetzter Mob zum angeblichen Schutz des Landes bewaffnet in das Herz der Demokratie eindringt, die schöne Heimat zu ihrem vermeintlichen eigenen Wohl auf Ibiza an eine russische Oligarchennichte verkauft werden soll und der globale Aluhut gemeinsam mit Rechtsextremisten, Esoterikern und sogenannten besorgten Bürgern auf die Straße geht, um ein Virus zu leugnen, dann, ja dann haben wir vermutlich ein Problem.

Probleme hätten wir natürlich auch so genug, blöderweise fehlen dafür aber die Ressourcen - von der Ökonomie der Aufmerksamkeit bis hin zur Ökonomie der Ökonomie: Klima-, Wirtschafts- und Migrationskrisen bestimmen das Geschehen ebenso wie das aufgeheizte Gesellschaftsklima (alle gegen alle) und der politische Spaltpilz. Kurz, es erfordert selbst für an sich besonnene Kräfte zunehmend mehr Kraftaufwand, auch weiterhin besonnen zu bleiben. Langsam geht uns hier wirklich allen das Geimpfte auf!

Der seit dem Jahr 2004 zum Gedenken an die 12.-Februar-Unruhen von 1934 im Wiener Rabenhof Theater ausgetragene Protestsongcontest fungiert diesbezüglich als Stimmungsbarometer und Spiegel ebenso wie als Katalysator und Druckablassventil. Wobei heuer zu attestieren ist, dass die Lage tatsächlich sehr ernst sein dürfte, wenn selbst die Teilnehmerschaft den Humor weitgehend verloren hat. Mit eineinhalb Ausnahmen um zuvorderst Marcus Hinterberger, dessen auf dem "Folsom Prison Blues" von Johnny Cash basierender "Ischgl Blues" aus dem im Themengebiet der "Piefke-Saga" angesiedelten Monolog eines Rabiat-Hoteliers aus dem Paznauntal besteht ("Kch-kch"), gibt es anlässlich der zehn im Finale vertretenen Acts und ihrer Beiträge nichts zu lachen.


Protestschildtauglich

Immerhin steht der Wiener Terroranschlag vom 2. November 2020 ebenso auf der Agenda wie das Sterben im Mittelmeer. Der 28-jährige algerischstämmige Rapper Dassi etwa beschwört diesbezüglich unter dem Titel "S.D.O. (Schleich di, du Oaschloch)" den Zusammenhalt, mischt aber zusätzlich auf die Stimmung drückende und dann doch etwas heftig plakative Schusswaffengeräusche in den Sound, während seine Kollegin Gina Disobey für ihren auch musikalisch gewinnenden Beitrag auf einen Refrain setzt, der protestschildtauglich daherkommt: "Seeking asylum is not a crime, it’s a human right!" Aber auch der "neue Stil", hinter dem sich ein alter Hut verbirgt, der Ärger mit in erster Linie eitlen männlichen Teilzeitfeministen oder der Turbokapitalismus auf dem Kunstmarkt sind Themen des aktuellen Jahrgangs.

Auf die Straße im übertragenen Sinn geht der Protestsongcontest heuer übrigens nicht. In Zeiten des (Kultur-)Lockdowns bleibt man lieber virensicher zu Hause und setzt auf einen Streaming- und Radio-Event (FM4, Freitag, 19 Uhr), bei dem die Jury (Martin Blumenau, Sigrid Horn, Yasmo, Simone Dueller, Max Schabl, Bobby Slivovsky) die voraufgezeichneten Songs kommentiert - und bewertet.

Es besteht die Hoffnung, dass neben Marcus Hinterberger zumindest Moderator Michi Ostrowski die eine oder andere Wuchtel drückt. Das Leben ist ernst genug. Ach ja, einen Beitrag über die Leistungsgesellschaft mit dem schönen Titel "Elon Musk arbeitet 95 Stunden am Tag" gibt es auch.