Das Haus - eine Abriss-Ruine. Zeuge eines unwürdigen Streits um eine Millionen-Erbschaft, aus dem niemand als Sieger hervorging. Den Konflikt bezeichneten Zeitungen wechselweise als "Krimi", "Drama" und "Tragödie".

Der Mann selbst: Praktisch vergessen. Peter Alexander, einst Superstar des deutschsprachigen Entertainments, ist heute, auf den Tag genau zehn Jahre nach seinem Tod, so entfernt, als wären es hundert Jahre und mehr. Sagt Dir Peter Alexander was?

Die Antwort: ein Altersnachweis. Damals, in den 60er, 70er und 80er Jahren nannte man ihn "Peter den Großen" in Anspielung auf den glanzvollen russischen Zaren, der St. Petersburg erbaute. Mühelos füllte er 10.000-Plätze-Hallen mehrmals hintereinander. Kein Wunschkonzert vergeht ohne "Die Kirschen in Nachbars Garten", ohne "Wie Böhmen noch bei Österreich war", ohne "Mandolinen um Mitternacht", ohne "Delilah". "Das kleine Beisl" für den Österreich-Gebrauch übersetzt er zu "Die kleine Kneipe" für seine deutschen Anhänger. Alle lieben Peter!

Fast alle. Der Star der jungen Menschen war Peter Alexander nämlich nie: zu sauber, zu anständig, zu frei von Skandalen. Weder trug er mit langen Haaren noch mit Jeans ein Revoluzzertum zur Schau: Anzug, Krawatte, dezentes Styling. Keine Spur Zwielichtigkeit, kein Aufruhr. Er war der Wunsch-Schwiegersohn der Wiederaufbaujahre, und als die Achtundsechziger-Bewegung erstarkte, das Idol des Bürgertums.

Der Entertainer

Es war die große Zeit der Entertainer, der Samstag-Abend-Fernsehshows, manchmal als Quiz getarnt, manchmal ganz auf den Showmaster zugeschnitten. Wer kennt noch die Namen, verbindet noch ein Gesicht mit ihnen: Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal, Peter Frankenfeld? Die Opern- und Operettensängerin Anneliese Rothenberger mischte am Rande mit. Und dann natürlich der bunteste Vogel von allen: Harald Juhnke. Das Geschäft war fest in deutscher Hand. Bis auf den Schweizer Vico Torriani.

Und Peter Alexander.

Der Österreicher war eine tragende Säule der deutschsprachigen Fernseh-Unterhaltung: Rund 200 Auftritte hatte er in der Zeit von 1955 bis 1998. Manches Mal war er der Gaststar, manches Mal der Showmaster. Seine Parodien sind gutmütig und dennoch brillant, seine Umgangsformen: höflich, frei von Anbiederung. Keine Anzüglichkeiten. Keine unguten Anspielungen. Man kommt gerne als Stargast in seine Shows, er lässt einen glänzen. Und glänzt selber. Die Ausstrahlung: Eleganz mit der Nuance Saloppheit, die ihn davor bewahrt, kalt und unnahbar zu wirken. Der Fernsehzuschauer kann sich vorstellen, mit ihm beim Heurigen auf ein Glas Rotwein anzustoßen.

Hörfunk und Fernsehen haben zu seinem Bekanntheitsgrad beigetragen, aber es wäre ein Fehler, Peter Alexander darauf zu beschränken.

Der am 30. Juni 1926 in Wien geborene Peter Alexander Ferdinand Maximilian Neumayer absolviert ein ganz reguläres Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar, nachdem er ein Medizinstudium nach einer einzigen Vorlesung wieder sein ließ. Gesang und Klavier brachte er sich autodidaktisch bei.

Peter Alexander, der Realist: Das große Ziel Burgtheater war unerreichbar. Also durch Kellertheater tingeln und Schlager auf Schallplatten aufnehmen. Lieber der Erste beim Entertainment als einer der Letzten auf der Bühne der Bühnen.

Die Entscheidung erweist sich als goldrichtig. Die unverwechselbare Stimme mit einer Prise Wiener Dialekt in der Aussprache und Nonchalance in der Präsentation überzeugte. 38 Top-Ten-Hits in Deutschland, 80 Mal in den Top-Hundert, an die 50 Millionen verkaufte Singles und LPs allein im deutschsprachigen Raum belegen eine außerordentliche Karriere.

Karriere mit Klamotten

Peter Alexander nimmt dabei nicht nur Schlager auf, er wirkt auch in Operettenquerschnitten mit - mögen die banalisierenden Arrangements heute ein großes Naserümpfen verursachen: In den 60er und 70er Jahren tragen sie zu einem Höhenflug des Genres bei.

Der Film will am Geschäft mitnaschen. Zum einzigen Mal strauchelt der sonst uneitle Peter Alexander: In der Verfilmung von "Im weißen Rößl" (1960) darf nur einer singen: Peter Alexander. Sogar "S‘ ist einmal im Leben so", im Original das Lied von Kaiser Franz Joseph, singt jetzt der Kellner Leopold. Gerade einmal Peter Alexanders Freund Gunther Philipp bekommt das Sigismund-Lied zugestanden. Selbst Waltraut Haas, die sich längst als glänzende singende Schauspielerin bewährt hat, bleibt auf eine Sprechrolle beschränkt. Regisseur Werner Jacobs verwandelt Ralph Benatzkys augenzwinkernde Ironie in schenkelklopfende Lustigkeit. Aber der Plan geht auf: Der Film ist ein Publikumserfolg - und Peter Alexander jetzt auch ein Filmstar.

Gewiss, er hat schon zuvor in Filmkomödien mitgewirkt, sogar in Hauptrollen etwa in "Liebe, Jazz und Übermut" (1957), "Münchhausen in Afrika" (1958) oder "Peter schießt den Vogel ab" (1959). Aber erst das "Weiße Rößl" erweist sich für ihn als das Star-Vehikel.

Soll man darüber richten, dass sich Peter Alexander in seinen folgenden Filmen noch mehr der Blödelei hingibt? Anders als etwa Harald Juhnke, der in vielschichtigen Rollen auf der Bühne überzeugt, bleibt Peter Alexander in seinen schauspielerischen Ambitionen der Filmklamotte treu.

Aber es war deren große Zeit. Kino als Unterhaltung, weg mit der letzten Nachkriegs-Trübsal, mit Lachen um jeden Preis ist Geld zu machen, und Film ist nun einmal auch Geschäft.

Peter Alexander schlüpft in die Rolle des vermeintlich leicht angetrottelten Grafen Bobby (die Schokoriegel dazu mit Witz auf dem Schuber gibt es in den Trafiken), in die Rollen von Lehrern in Schulklamotten wie "Der Musterknabe", "Hurra, die Schule brennt!" oder "Zum Teufel mit der Penne", die sich bemühen, hinter der "Feuerzangenbowle" herzulaufen. Verkleidungen, Verwechslungen, Schlager: "Charleys Tante", "Hilfe, meine Braut klaut", "... und sowas muß um 8 ins Bett". Über "Schwejks Flegeljahre" breitet man besser den Mantel des Schweigens. Gerade einmal "Das Liebeskarussell" auf der Basis von Arthur Schnitzlers "Reigen" stellt höhere Ansprüche.

Privates bleibt privat

Der Mensch Peter Alexander - ein Unbekannter. 1952 heiratet er die vier Jahre ältere Schauspielerin Hildegarde Haagen. Sie gibt ihren Beruf auf und wird seine Beraterin, seine Managerin. Wiederholt sagt er, dass er ohne "Hilde" seine Arbeit nicht machen könnte. Mehr erfährt man nicht über sein Privatleben.

1991 geht er zum letzten Mal auf Tournee, danach zieht er sich aus der Öffentlichkeit zurück bis auf ganz wenige Auftritte. 2003 trifft ihn der erste Schicksalsschlag: Seine Frau stirbt. Peter Alexander zieht sich völlig in sein Haus in Grinzing zurück. 2009 kommt seine Tochter Susanne bei einem Autounfall in Thailand ums Leben. Von diesem zweiten Schicksalsschlag erholt sich Peter Alexander nicht mehr. Bis zu seinem Tod kämpft er gegen Depressionen.

Auf seinem Grab auf dem Grinzinger Friedhof liegen ein paar verwelkte Blumen. Ein paar Schritte weiter stehen ein paar Menschen am Grab von Thomas Bernhard. Der Tod macht alle gleich. Nur die Erinnerung erzeugt erneut den Unterschied.