Erst hätte sein Auftritt im März 2020 stattfinden sollen, dann im November, schließlich landete der Termin im Februar 2021. Doch nun wird der Abend im Wiener Konzerthaus gar nicht zustande kommen, und schuld daran ist nicht die Pandemie. Chick Corea, die weltbekannte Jazz-Größe und Klavier-Legende, ist tot. Der 79-Jährige starb an einer seltenen Krebsart, die erst vor kurzem diagnostiziert worden sei, heißt es auf seiner offiziellen Facebook-Seite, Corea sei bereits am Dienstag verschieden. Der US-Amerikaner gehörte zu den letzten Zeitzeugen und Ikonen jener Jazzströmungen, die ab den späten 60er Jahren Raum griffen. Gemeinsam mit Herbie Hancock, John McLaughlin und Joe Zawinul zählte er zu jenen Schlüsselkräften, die der stilprägende Miles Davis für epochale Jazzrock-Alben wie "In A Silent Way" (1969) und "Bitches Brew" (1970) rekrutiert hatte.

Geboren am 12. Juni 1941 in Chelsea im Bundesstaat Massachusetts, wuchs Corea als Sohn eines Jazz-Trompeters und Bandleaders italienischer Abstammung auf. Bereits als Vierjähriger saß er am Klavier und geriet rasch in den Bann von Jazzgrößen wie Charlie Parker oder Bud Powell. Aufbauend auf den Errungenschaften der Bebop-Meister entwickelte Corea seinen eigenen, unverkennbaren Stil. Dabei knüpfte er an das modale Spiel seines Kollegen McCoy Tyner an, der offene Harmonien mit einer quirligen Pentatonik überlagerte. Zugleich brachte Corea mit oktatonischen Skalen und schroffen Akkordrückungen eine herbe Färbung ein – Elemente, die er womöglich beim Komponisten Béla Bartók kennengelernt hatte, der ihn seit seiner Jugend nachhaltig faszinierte. Und dann gehörten zum frühen Corea-Sound noch eine Lust an hart gehackten Akzenten und eine Freude an abstrakten Akkordtürmen. Stark ausgeprägt ist dieser Stil bereits auf einem frühen Trioalbum, 1968 mit Bassist Miroslav Vitous und Schlagzeuger Roy Haynes aufgenommen: "Now He Sings, Now He Sobs" weist Corea, der davor bereits mit Größen wie Herbie Mann und Stan Getz gespielt hatte, als Zukunftshoffnung des Modern Jazz mit intellektuellen Ambitionen aus.

Von Davis in die Selbstständigkeit

Die große Bühne öffnete ihm schließlich Miles Davis: Als der Trendsetter der Improvisationsmusik die Ära des Jazzrocks einläutete, holte er dafür einen Pool begnadeter Jungspunde an Bord, darunter auch Corea, der fortan ein E-Piano bediente. Der Erfolg der neuen Strömung, die die bisherige Komplexität des Jazz zugunsten einer luftigen, quasi-bekifften Atmosphäre aufgab, war dermaßen durchschlagend, dass sich Davis‘ Band darob zerpulverte. Die Zöglinge des Gurus schwangen sich selbst zu Bandchefs auf: Joe Zawinul ging mit Weather Report eigene Wege, John McLaughlin ersann das Mahavishnu Orchestra, und Chick Corea begründete Return To Forever – ein Publikumserfolg, der zwischen 1970 und 1977 durch unterschiedliche Phasen ging, klanglich und qualitativ. Nach Anfängen mit eher sanftem Fusion-Jazz ("Light As A Feather") verstieg sich die Gruppe nicht selten in eine Synthesizer-grelle, bombastische Kraftmeierei. Doch selbst in dieser Periode, mit dem Notensprudler Al Di Meola an der E-Gitarre, wiesen die Alben Corea immer wieder als originellen Komponisten aus, der komplexe Passagen mit weiten Improvisationsfenstern verband – wie in dem auratischen Instrumental "No Mystery".

Nicht zu vergessen freilich Coreas Überhit aus den Return To Forever-Jahren, der in die Notensammlung aller Jazzstudenten dieses Planeten eingegangen ist – der unkaputtbare Latin-Ohrwurm "Spain". Dass sich Corea im Herzen ohnedies als Spanier fühlte, wie er einmal sagte, zeitigte das wohl gelungenste Studiowerk unter eigenem Namen aus jener Zeit, nämlich "My Spanish Heart" von 1976: Das Album beglückt mit einem fantasievollen Füllhorn aus Folklore, Funk, Synthie-Jazzrock und Kammerorchestralem und als Tüpfelchen auf dem I mit dem Corea-Evergreen "Armando’s Rhumba" – jenem vergnügt rustikalen Nümmerchen, das den eigentlichen Vornamen des Komponisten (und seines Vaters) im Titel trägt.

Prägnante Handschrift, verschiedene Klangwelten

Im Laufe der 80er und 90er Jahre rückte Corea allmählich von seinen Synthesizer-Neigungen ab und brachte seine Handschrift verstärkt in unterschiedlichen Besetzungen zur Geltung. Etwa im akustischen Jazz, den er mit dem Album "Three Quartets" bereicherte – einem Amalgam aus Kammermusik und drängendem Postbop, befeuert vom knackigen Saxofonspiel Michael Breckers. Auch in die Klassik hat sich Corea gewagt, am ertragreichsten wohl mit seinem Bartók-haften Opus "Children’s Songs" für Solo-Klavier sowie mit der "Lyric Suite For Sextet" (mit Langzeitpartner Gary Burton am Vibraphon).

So häufte sich eine Qualitätsfülle, die einzelne Flops leicht verschmerzen ließ – wie jenes Konzert für Klavier und Orchester, das der bekennende Scientologe 2006 im Auftrag des Wiener Mozartjahrs verfasste. Über eine Enttäuschung tröstete meist das nächste Album des freundlichen Vielschreibers hinweg – und das kommende Konzert. Wobei sich Corea in Wien nie rar gemacht hat. Der Lockenkopf beehrte die Stadt praktisch im Jahrestakt, in wechselnder Besetzung, doch stets mit guter Laune und unprätentiösem Auftreten. Und er war sich nie zu schade, zum abermillionsten Mal "Spain" zu spielen, das Publikum im Mittelteil seine Solo-Linien nachsingen zu lassen und irgendwann einmal – wenn den Anwesenden die Übung bei einer besonders gekringelten Corea-Phrase misslang – spitzbübisch in sich hineinzugrinsen. Dieses Lachen, dieses Genie, dieses tausendfach kopierte Spiel werden fehlen.