Will Popmusik im Zeitalter ihres Bedeutungsverlusts noch so etwas für sich beanspruchen wie gesellschaftliche Relevanz, ist die Wahl eines größeren inhaltlichen Rahmens nie verkehrt - wenn dieser entsprechend aktuelle Themen akzentuiert. Feminismus, der Kampf für LGBTQ-Rechte und Minderheitenschutz oder die #BlackLivesMatter-Bewegung haben diesbezüglich Hochkonjunktur. Aber auch der Klimawandel und dessen Bewältigung bietet sich zunehmend an, wenn es um unsere Gegenwart und eine mögliche Zukunft gehen soll.

Ganz schön kaputt

Die 36-jährige, einst unter ihrem Pseudonym Tamara Hope als Kinderschauspielerin bekannt gewordene kanadische Songwriterin Tamara Lindeman hat sich nun eindeutig für Mutter Erde, also die Natur und unsere schöne, aber ganz schön kaputte Umwelt entschieden. Schließlich hat sie für dieses Unterfangen mit The Weather Station bereits ursprünglich den richtigen Bandnamen mitgebracht. Und auch der Titel ihrer neuen, bereits fünften und von der "New York Times" abwärts als Album der Stunde ausgerufenen Arbeit legt nahe, in welche Richtung es dabei geht. Wobei man auf "Ignorance" (Fat Possum/Membran) durchwegs keine bitteren Anklagen mit erhobenem Zeigefinger hört und Lindeman relativ vergleichslos in der aktuellen Pop-Landschaft auf eine Art Nature Writing setzt, die auch abseits des Kernthemas, also in der Beschäftigung mit der guten alten Mann-Frau-Sache, nur zu gerne auf Naturmetaphern zurückgreift.

In einem Song wie "Atlantic" wird der aufbrandende Ozean auch in musikalischer Wellenform übersetzt, während im Text Haubentaucher durch die Lüfte wirbeln, sich pinke Wolken über der Steilküste versammeln und Tamara Lindeman angesichts der überwältigenden Naturkulisse bei gleichzeitigem Hereinbrechen der Nachrichtenlage mit einem Blumenblatt in der Hand ins Sinnieren gerät.


Bei dem als Liebeslied für einen Vogel angerichteten "Parking Lot" oder "Tried To Tell You" mit seiner Zeile "I feel as useless as a tree in a city park / Standing as a symbol of what we have blown apart" wiederum ist Joni Mitchell allgegenwärtig. Diese formulierte den Sachverhalt in ihrem Hit "Big Yellow Taxi" bereits 1970 auf ähnliche Weise: "They paved paradise / And put up a parking lot / With a pink hotel, a boutique / And a swinging hot spot." Noch grundsätzlicher wird es nur gleich zum Auftakt mit "Robber", bei dem sich der besungene Handlungsträger nicht als einfacher Handtaschlräuber, sondern als der globale Raubtierkapitalismus erweist, der die Zerstörung der Umwelt maßgeblich vorantreibt.

Unter Waldmenschen

In seinen Grundzügen sei das Album nach einem mit intensiver Lektüre von Büchern über den Klimawandel verbrachten Winter auf einem Spielzeugkeyboard mit eingebauter Drum Machine entstanden, so Lindeman zur "New York Times". Auf dem Cover des finalen Produktes posiert sie nun in einem spiegelbesetzten Anzug, der auch in den aktuellen, draußen im Holz bei den Waldmenschen spielenden Musikvideos auftaucht, um die Natur gewissermaßen buchstäblich zu reflektieren. Und auch der Song "Wear" erweist sich diesbezüglich als aufschlussreich. Sie hätte sich die Welt wie eine Art Kleidungsstück überziehen wollen, singt Lindeman da, allerdings: "It does not matter to the world if I embody it / It could not matter less that I wanted to be a part of it!"

Gemeinsam mit ihrer zum Kollektiv angewachsenen Band um Neuzugänge wie den Saxofonisten Brodie West verdichtet sich das nicht zuletzt auf ein rhythmisches Panta rhei setzende Album von seinen anfänglichen Jazz-Texturen auch über die Beigabe von Streichern, wobei alles an "Ignorance" wie collagiert wirkt: ein aufgepinselter Klavierakkord hier, ein eingestreutes Heimorgelmotiv da. An zwei, drei Stellen darf man sich vom motorischen Schlagzeug auch vorsichtig an die Sonnenanbetung diverser Krautrock-Vorreiter erinnert fühlen. Überwiegend gibt aber der ins Heute gerettete 70er-Jahre-Sound von Fleetwood-Mac-Alben wie "Rumours" den Grundton an, der sich das Leichtfüßige auch im Ernsten bewahrt und seine neugewonnenen Popsensibilitäten selbstbewusst hervorstreicht.

Manchmal stellt sich dabei auch ein gewisses Sonntagnachmittagsgefühl ein. Nachdem Tamara Lindeman zum Abschluss der 40 Spielminuten mit "Subdivisions" aus einer Beziehung geflohen ist - skandalöserweise übrigens mit ihrem alten Benziner! -, will man eher keine Bäume mehr ausreißen. Man will sie umarmen.