Gute Laune macht der Einstieg definitiv nicht, dafür fällt er musikalisch umso einnehmender aus. Ein nachtschwarzer Bassloop, ein dünner Pluckerbeat aus der Drum Machine, bald gefolgt von Stuart A. Staples’ aufgeriebenem Schmerzensgesang, der eher auf den losen Textsplitter setzt als auf die lineare Erzählung.

Elf recht zeitlose Minuten lang regiert passend zum Titel "Man Alone ("Can’t Stop The Fadin’)" das Gefühl des Kontrollverlustes. Vom anfänglichen Anklang einer Erschöpfungsdepression über eine auch als muskalischer Sog übersetzte Abwärtsspirale, ein Zerrinnen und Verschwimmen des Sounds und der Gedanken, dürfte es hier in Richtung Zusammenbruch und Psychose gehen. Das Unheil gipfelt schließlich in einem kakofonischen Hupkonzert, nach dem auch noch ein Donnerwetter aufzieht. Schleudergefahr! Das Aquaplaning der Seele.

"Distractions"-Albumcover. - © City Slang
"Distractions"-Albumcover. - © City Slang

Zum Auftakt ihres neuen Albums "Distractions" (City Slang) setzen die Tindersticks hörbar auf den künstlerischen Ausbruch, die Normabkehr, das Experiment: Nach dem erst Ende 2019 erschienenen Vorgänger "No Treasure But Hope" mitsamt seiner Instrumentierung zwischen Rotweinklavier und gewohnt schöngeistigen Streichern dürfte dieser Befreiungsschlag auch mit einem zu tun haben: In pandemischen Zeiten ist die Live-Tauglichkeit des Materials ausnahmsweise kein Thema. Nach dem Tourabbruch im Vorjahr wurde also vor allem in Staples’ Heimstudio wieder in die Hände gespuckt. Immerhin markiert das Jahr 2021 auch die Vollendung von drei Jahrzehnten als Band, die in den Anfängen als feinfühlig-eleganter Gegenentwurf zur Britpop-Ära noch eher unwahrscheinlich erschien.

Druckablass

Schlechte Stimmung auf musikalisch überzeugender Basis herrscht auf dem neuen Album aber auch aus anderen Gründen. Eine mit zarter Funkgitarre gegebene Coverversion von "You’ll Have To Scream Louder" der Television Personalities von 1984 etwa erinnert angesichts von Korruption, politischen Lügen und Polizeigewalt daran, dass die Welt auch heute nicht besser ist: "I’ve got no respect for / These people in power / They make their decisions / From their ivory towers." Und mit der Chanson-nahen Klavierballade "Tue-moi" gibt der bereits seit 2006 im Limousin beheimatete Stuart A. Staples seine nachgereichte Verarbeitung des Terroranschlags im Pariser Bataclan von 2015 auf Französisch mit Nottinghamer Färbung.

"Lady With The Braid" als Cover der heute vergessenen US-Songwriterin Dory Previn kommt im Dub-Setting daher, Neil Youngs "A Man Needs A Maid" wird auf eine Weise vom orchestralen Bombast befreit, die an die Zusammenarbeit Leonard Cohens mit Sharon Robinson auf dem Album "Ten New Songs" von 2001 erinnert. Das ist hübsch, wobei man sich über den Original-Text von 1971 heute doch eher wundert: "I was thinkin’ that maybe I’d get a maid / Find a place nearby for her to stay / Just someone to keep my house clean / Fix my meals and go away."

Am Ende wird mit dem Neuneinhalbminüter "The Bough Bends" übrigens entspannt und optimistisch geschlossen. Wir hören eine Atemübung mit Vogelgezwitscher und Flöte, bei der auch die gute alte Erotik Druckablass garantiert: "I want you so much / My clothes hurt me."