Es gibt Platten, die bei der Kritik als groß gelten und trotzdem nicht in ihrer ganzen Grandezza erfasst worden sind. In historisch weiter zurückliegenden Fällen sind üblicherweise, wie bei den ersten beiden Velvet-Underground-Alben, Van Morrisons "Astral Weeks" oder "Forever Changes" von Love, irgendwann genügend Bewunderer nachgewachsen, um solche Bringschuld zu tilgen. Auch bei "Third/Sister Lovers", dem dritten Album von Big Star, ist es sich noch so halbwegs ausgegangen.

Heute ist das, wegen des rapide fortschreitenden Bedeutungsverlusts von Pop als Kulturform, nicht mehr drinnen - einfach, weil nicht mehr genügend Menschen neugierig darauf sind, Vor- und Wegbereitern nachzuspüren. So bleiben LPs in ihrer Entstehungszeit verhaftet und haben keine Chance, gewissermaßen über ihren Veröffentlichungszeitraum hinauszuwachsen.

Django Djangos unbetiteltes, Mercury-Prize-nominiertes Debütalbum ist so ein Fall. Es beeindruckte die Meinungsmacher in seinem Erscheinungsjahr (2012), doch ist im kollektiven Pop-Gedächtnis seither ziemlich verblasst, was für eine einzigartig stringente, mitreißende Deutung kontemporärer psychedelischer Musik es in seiner konzentrierten, formstrengen, vibrierenden Einheit aus schlankem, trockenem Rock und elektronischer (An-)Spannung war.

Freilich - als Django Django 2015 den Nachfolger "Born Under Saturn" vorlegten, war die Erinnerung noch frisch genug, um zunächst leise Enttäuschung ob der etwas gebremsten Gangart und des in die Breite gegangenen Klangbilds auszulösen. Erst wiederholtes Hören offenbarte seine melodische Schönheit, diffizile Dynamik und die kleinen Geistes-
blitze wie etwa eine witzige Vintage-Klarinetten-Einlage oder abseitig anmutende Prärie-Gitarren. Auf "Marble Skies" (2018) flirteten Django Django, bisweilen bemerkenswert ausgelassen, erstmals offen mit dem Dancefloor.

Die regulär vierte LP des in London ansässigen Quartetts, bei dem Drummer und Produzent David Maclean als eine Art primus inter pares die Richtung vorgibt, darf guten Gewissens "eine runde Sache" genannt werden: Sie ist ausgewogen temperiert und hat von vielem etwas, ohne je beliebig zu werden. Im meist eher zügigen Tempobereich werden verschiedene Stile von Power-Pop bis krautiger Electronica performt, Einflüsse von Western bis nahöstlich auf- und abgerufen, unterschiedliche Intensitätsstufen vermessen. Das kann - ohne gröbere formale Einschnitte - zu grandiosen, unerwarteten Wendungen führen. Der Opener etwa, dessen tolles, immer schneller um sich selbst kreiselndes Synthie-Intro recht treffend seinem Titel "Spirals" gerecht wird, führt zunächst über einen kräftigen Bass in nicht unvertraute Psychedelic-Pop-Fahrwasser, um in einem Richard-Thompson-Preis-würdigen Gitarrensolo von Sänger Vincent Neff auszulaufen.

Wie ein Statement

Schwebenden Traum-Pop zelebriert "Waking Up" mit Charlotte Gainsbourg, während Hundegebell und Glockengebimmel im teils portugiesisch gesungenen "Got Me Worried" in den ländlichen Bereich entführen. "Night Of The Buffalo", in dem Neffs meist ungefilterte Sängerknaben-Stimme zum Chor vervielfacht ist, kontrastiert einen treibenden Rhythmus mit orientalischen Synthie-Bögen, die einen rätseln lassen, wo man so etwas schon einmal gehört haben könnte (Echo & The Bunnymen, "Porcupine"), und endet in einem Streicherwirbel. Der vielleicht beste Song, "Headrush", koppelt eine insistente Melodie an einen superben Background-Chor, wie das einstens Todd Rundgrens Formation Utopia gerne praktiziert hat.

Inhaltlich gehört "Glowing In The Dark" zu jenen Platten, die sich wie ein Statement zur Corona-Pandemie "lesen", aber schon deutlich vor deren Ausbruch entstanden sind. Grosso modo geht es darum, aus unguten Situationen herauszukommen, sich von der Schwerkraft zu befreien, wie ein Titel ("Free From Gravity") explizit sagt. Das mag uns übrigens daran erinnern, dass die Welt schon vor "der Krise" nicht so ganz in Ordnung war. Alternative Fakten ("Tell me black is white"), Gier, Aberglauben, das gab es schon alles, bevor dieses komische Virus auftauchte.