Nach fünf Minuten Instrumentalmusik plötzlich diese Stimme: "Sometimes I feee-eeel like a motherless child", wabert es aus der altersschweren, tremolierenden Kehle. Das ist nicht gerade ein Ohrenschmaus, klingt aber so abgekämpft, dass es dem gleichnamigen Spiritual eine bezwingende Aura verleiht. Und diese dunklen Töne sind geschickt angebahnt worden. Nach einem erbaulichen Beginn weicht die schlichte Schönheit allmählich einem schroffen Ausdruckswillen: Harsche Klavier-Akzente mengen sich mit kratzig- knorrigen Saxofonlinien.

Der Clou der Aufnahme ist freilich ihre Besetzung: das Zusammentreffen der Modern-Jazz-Legende Archie Shepp am Saxofon mit Jason Moran, dem angesagten Alleskönner-Pianisten von heute. Fast 40 Jahre liegen zwischen den beiden Männern, die seit einiger Zeit kollaborieren und nun ihr erstes Duo-Album vorstellen. Die Live-Mitschnitte aus Frankreich und Deutschland begeistern vor allem dadurch, dass sie die Ursuppe des Jazz (also Gospel und Spiritual) sowie Swing fein mit avancierten Spielarten vermischen. Da wechselt Moran unvermutet vom Stride-Stil zu freiem Spiel, und im herb-sensiblen Tonfall des Saxofonisten (der zuweilen auch singt) scheinen Tradition und Moderne überhaupt dauerhaft zu koexistieren. Ein facettenreiches, zugleich stimmiges Album dank der fortwährenden Ausdruckslust dieser beiden Meister.