Rainald Grebe ist ein Mann, der sich gerne einmal ansieht, wie die Dinge früher so waren. Allerdings hat das nicht nur zum Teil autobiografische Ursachen wie in einem seiner Lieder aus dem Jahr 2009: "Ich seh ein altes Bild von mir, ich mit vollen Haaren / Das war im letzten Jahrtausend, in den 90er Jahren / Alle hatten damals einen Waschbrettbauch / Ich auch!"

Auch generell lässt sich behaupten, dass beispielsweise Popmusik früher sehr angesagt war, weshalb der laut eigener Kurzbiografie als Autor, Dramaturg, Regisseur, Schauspieler, Comedian, Komponist, Liedersänger und Obstbauer tätige diplomierte Puppenspieler sein neues Album nicht nur "Popmusik" nennt, sondern dessen Titel für das Cover auch gleich noch in das Logo des erfolgreichsten Soft-Drinks der Geschichte montieren ließ.

Pop heißt gerne auch Popkultur und noch geschwollener "Pop-Art" (bei Andy Warhol) oder "Artpop" (bei Lady Gaga), dabei aber wurzelt er an sich doch recht bodenverhaftet im lateinischen "populus", also dem Volk. Mit diesem beschäftigte sich der gebürtige Kölner gerade erst vor zwei Jahren. Auf dem Album "Albanien" heiß es diesbezüglich gemeinsam mit seiner Kapelle der Versöhnung: "Wer geht nach der Schicht oder vom Büro ins Sonnen-, ins Fitness-, ins Nagelstudio? / Das Volk! / Hier ist die Welt noch in Ordnung, hier stimmt die Chemie / Frauen backen Kuchen / und Männer essen sie."

Das Volk sind wir, das Volk ist irr: In der Zwischenzeit hat Rainald Grebe seinen früher bei Auftritten so beliebten Federnschmuck aber nicht von ungefähr gegen einen Aluhut ausgetauscht. Mit diesem gibt der heute 49-jährige Spaßmacher, der es gelegentlich auch recht ernst und außerdem manchmal sehr melancholisch mag, auf "Popmusik" (Tonproduktion Records) etwa gleich das als Zeitdiagnose angelegte Eröffnungsstück zum Besten. Es trägt den schönen Titel "Wissenschaft ist eine Meinung" ("... die muss jeder sagen dürfen!") und zielt ins thematische Kernareal der zwölf neuen Songs.

Ein Strich durch die Rechnung

Ebenso wie bei "Die Tournee", einer Art Innenporträt des fahrenden Künstlervolkes zwischen Raststätten-Blues und Hotelzimmer-Depression, wie sie auch Blixa Bargeld vertraut ist ("Room-Service oder Masturbation, nichts eröffnet Perspektiven!"), hat die Corona-Krise aber auch im Falle von "Meganice Zeit" einen Strich durch die Rechnung gemacht. Hier wird der heute zwangspausierende Arbeitsalltag auf der Autobahn zum MacGuffin, der einen Blick auf die deutsche Gegenwart zulässt: Die gesellschaftliche Spaltung findet zwischen Rechtsextremismus und "veganem Hass" statt.

"Nice" ist seit dem Vorjahr übrigens auch im Duden zu finden. Im Song steht das denglische Adjektiv synonym für ein Lebensalter, in dem man die Popacts der Stunde nicht mehr namentlich kennt und auch in Sachen Jugendsprache nicht mehr so recht mithalten kann - oder will. Irgendwann sind wir alle Boomer, Best Ager oder ohne Beinamen alt, also jenseits der 30. Leider sind wir anders als der Kurtl-Onkel aber noch nicht in der Frühpension. Stücke wie "Der Calvinismus" ("Der Teufel und der Müßiggang machen Liebe / Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen") oder das "Da Da Da" von Trio paraphrasierende, durchwegs unrund machende "Der Klick" über ein Leben mit möglichem Brett, bestimmt aber mit Smartphone vor dem Kopf, führen ins Herz unserer schönen Hektomatik- und Hochleistungswelt.

Zum Heulen schön

Der Autor einst als Antilandeshymnen angelegter Klavierstücke wie "Brandenburg" ("Es gibt Länder, wo richtig was los ist / Und es gibt ... Brandenburg") oder "Sachsen-Anhalt" ("Ibiza und Malle / kennen alle / Aber wer kennt das Land / zwischen Magdeburg und Halle?") ist dafür unter Mithilfe seines Produzenten Martin Bechler weitgehend auf Synthesizer und Drumcomputer umgestiegen. Stücke wie das schwer ans Gemüt rührende "Flugbegleiterin" mit seinen Begräbnisbläsern und eine tatsächlich zum Heulen schöne Coverversion von "Die Rose" (Nana Mouskouri!) gemeinsam mit dem Bergmannschor Harmonie Zeche Victoria Lünen gönnen diesem Konzept aus den richtigen Gründen zum richtigen Zeitpunkt aber auch eine Pause. Hier und auch beim am Ende wieder ironisch aufgebrochenen "Der Tod" klopft das Schicksal an die Türe. Rainald Grebes im Jahr 2017 erlittener Schlaganfall hinterließ seine Spuren im Werk.

Herrlichen Blödsinn gibt es auf dem Album aber auch: Neben Songs wie "Der Adel" oder "Eis" ist vor allem die psychotrope Autotune-Meditation "Die Kraft der Pflanze" über Hildegard von Bingen, einen Lippenblütler namens "Love-Endel" und gedämpftes Gemüse zu nennen. Über das Thema "Beilagen als Hauptgerichte" dann aber ein andermal mehr.