Wer die Homepage von David Helbock aufruft und den Mann nicht kennt, könnte einem Irrtum aufsitzen. Nein, der Pianist im Wald vor dem andächtigen Publikum ist kein Klima-Aktivist. Und er ist auch kein No-Name-Musiker, der auf Wald- und Wiesenauftritte angewiesen wäre. Es ist ein typisches Foto für das untypische Vorjahr - genauer gesagt für den Sommer 2020, als Veranstalter wieder zu Werke gehen durften, wenn sie dabei Corona-sichere Bahnen einschlugen. Beim Festival da Jazz in St. Moritz führte dies unter anderem zu einer Waldlichtung als Bühne. Ein ungewohnter Ort, und im Vorfeld ein wackeliger Termin für Helbock: "Der Auftritt in St. Moritz stand länger auf der Kippe. Eigentlich sind dort immer viele Amerikaner zu Gast, aber die konnten nicht kommen, und so sind einige Europäer eingeladen worden", sagt er.

"Lange nicht so viel geübt"

Für den 37-jährigen Vorarlberger ein Glücksfall, denn die Corona-Krise hatte ihn aus dem Arbeitsalltag bugsiert. Im Jahr davor trat Helbock an fast jedem zweiten Tag auf, absolvierte weltweit rund 150 Konzerte. "Es war fast schon eine Bühnensucht", erzählt er - der erste Lockdown fühlte sich an, als "würde ich in ein Loch fallen".

Andererseits: Die Ruhe, die im März 2020 auf eine abgebrochene Südafrika-Tournee folgte, kam auch nicht ganz ungelegen. "Ich hatte schon länger eine Pause im Hinterkopf und habe die ersten Monate genossen." Helbock übte "so viel Klavier, wie schon lange nicht mehr", drehte Videos in Eigenregie, wärmte alte Projekte auf und dachte zukünftige an - und profitierte zur Jahresmitte dann auch vom kurzzeitigen Wiedererwachen des Konzertbetriebs dank sinkender Infektionszahlen.

Spätestens seit dem Aufkommen der zweiten Welle macht sich aber auch bei ihm ein Überdruss bemerkbar. Helbock konzertiert ja nicht (nur) aus Spaß an der Freud, er bestreitet damit seinen Lebensunterhalt. Und der Bühnenauftritt sei als Einnahmequelle alternativlos. "Die CD ist eigentlich schon lange so etwas wie eine teure Visitenkarte, um damit zu Konzerten zu kommen." Dabei verkaufe sie sich vor allem, wenn sie am Rande eines Konzerts feilgeboten werde.

Und was denkt er über den Trend zum Streamingkonzert - die Auftritte für ein fernes Publikum an der digitalen Nabelschnur? Einerseits: "Ich habe im Vorjahr ein solches Solo-Konzert im Porgy & Bess gespielt, im Saal waren nur ein Techniker, Clubchef Christoph Huber und ich. Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Begräbnis." Auf der anderen Seite: "Es tut gut, wieder einmal zu spielen, und man bekommt eine normale Gage, weil die Zuseher daheim spenden."

"Viele denken ans Aufhören"

Über seine Finanzverhältnisse will Helbock nicht klagen: "Ich bin zwar viel in Berlin, aber wohne weiter in Österreich und habe schon einiges aus dem SVS-Fonds erhalten und auch dank Arbeitsstipendien." Erst am Mittwoch hat der Nationalrat die Corona-Fördertöpfe für Künstler um 30 Millionen Euro aufgestockt. In Berlin sei das Klima trister: "Wenn ich es vergleiche, sieht es in Österreich gut aus. In Deutschland kenne ich viele, die ans Aufhören denken."

Für den Trompeter Sebastian Studnitzky und den Gitarristen Arne Jansen dürfte dies nicht gelten: Die beiden Wahlberliner haben mit Helbock ein Trio formiert und bringen Ende März ihr Debütalbum heraus. Dass es "The New Cool" (Act) heißt und dem gleichnamigen Jazzfach frönt, erstaunt aufs Erste, kennt man Helbock doch als Ausdrucksvulkan an den Tasten. Andererseits: Gerade nach seinen eruptiven Auftritten mit dem Trio Random/Control "hatte ich Lust auf eine Art Cooldown. Das Album ist keine reine Hommage geworden, wir haben vor allem eigene Stücke aufgenommen."

Und dann wäre da noch ein Trio zu erwähnen, mit dem Helbock für den 10. Mai im Wiener Konzerthaus gebucht ist, nämlich im Verbund mit dem Trompeter Médéric Collignon und der Sängerin Camille Bertault: Die drei spielen gewissermaßen ein Wunschkonzert in eigener Sache, angefangen von Johann Sebastian Bach bis zu John Coltranes gefürchtet vertracktem Standard "Giant Steps". Letzterer ist zu Bertaults Bravourstück avanciert, nachdem sie ihn auf YouTube gescattet und sechsstellige Klickzahlen erreicht hatte. Helbock ist jedenfalls für die Nummer gerüstet - dank Lockdown, in dem er sich profund damit auseinandergesetzt hat. "Mit Camille kann ich das jetzt wirklich gebrauchen."