Auf dem aktuellen Pressefoto trägt Nick Cave einen Anzug, der wie frisch aus dem Humana-Shop aussieht. Ob das darauf einstimmen soll, dass uns allen bald härtere Zeiten bevorstehen, so wir uns nicht bereits mittendrin befinden, ist nicht bekannt, aber unwahrscheinlich. Warren Ellis, links neben dem Meister platziert, berüchtigt für seinen Taliban-Bart und die Optik eines vormals vom britischen Adel als Kontrastprogramm in seine Landschaftsgärten gestellten Schmuckeremiten ohne ausgeprägtes Interesse am Duschen, präsentiert sich auch in nichtpandemischen Zeiten so. Abgerockt kommt von Rock ’n’ Roll, in dem man ja nie so recht wissen kann, ob das jetzt bereits Wohlstandsverwahrlosung ist oder noch immer die Lumpenboheme.

Auf diese Weise jedenfalls wird mit "Carnage" (Goliath/AWAL) ein gemeinsames Lockdownalbum beworben, das im Wesentlichen überhaupt nicht nach dem behaupteten "Blutbad" oder "Gemetzel" klingt, selbst wenn es im Titelsong einem Huhn an den Kragen geht oder zumindest auch im zornigen "White Elephant" der Gebrauch einer Schusswaffe droht: "I’ve been planning this for years / I’ll shoot you in the fucking face!"

Der in Fan- und Kritikerkreisen teils umstrittene De-facto-Bandleader der Bad Seeds hat mit Nick Cave zwar bereits diverse Arbeiten im Bereich Theater- und Filmmusik eingespielt. Die acht neuen Songs, offiziell als "wunderschönes Album, eingebettet in eine gemeinschaftliche Katastrophe" angekündigt, markieren allerdings das erste reguläre Gemeinschaftsalbum als Duo. Während die Bad Seeds zwangspausieren, soll der Kern der 40 Spielminuten in nur zweieinhalb Tagen entstanden sein. Das Resultat liegt nun als digitale Vorabveröffentlichung, sprich als "online first release" vor.

Bis das Album am 28. Mai auch physisch erscheinen wird, hat man also noch ausreichend Zeit dafür, über das eine oder andere von Nick Cave abermals in einer Art Fiebermonolog oder bei einer lockeren Wanderpredigt über den Highway abgelassene Mantra, die dabei abgefallenen alttestamentarischen Bilder (es ist ein strafender Gott!) oder darüber zu sinnieren, wohin die Reise sowohl inhaltlich als auch künstlerisch führt.

Stream of Consciousness

Gereist wird auf dem Album buchstäblich: Im Rahmen der Nachtfahrt "Hand Of God" atemlos-geloopt, aufgerieben und gottesfürchtig ins Wasser sowie auf der Suche nach dem Himmelreich in den Untergang, bei "Old Time" nicht zuversichtlich in die Zukunft, sondern pessimistisch in die Vergangenheit ("Ah, everyone’s dreams have died ...") und im passenderweise wie das liebste Kirchenlied der Mizzi-Tant klingenden "Lavender Fields" über den Acker des Lebens (und Sterbens!), auf dem gegen Ende auch eine existenzielle Landpartie namens "Shattered Ground" spielt.

Nur im in seiner Gesangsmelodie stark an Tom Waits erinnernden "Albuquerque" wird im zärtlichen Grundton zu Streichern und tröstlichem Gruppengesang in jeder Hinsicht zu Hause geblieben. Es ist Lockdown, Liebling, und wir fahren nirgendwohin: Näher an den Corona-Blues der vier Wände kommt das Album nicht mehr heran, außer mit seinem Schlusssatz. Nachdem Nick Cave im Rahmen einer aus dem Klangnebel geschälten Klaviermeditation abwechselnd Fred Astaire oder der "Balcony Man" war, heißt es im Outro: "You are languid and lonely and lazy / And what doesn’t kill you just makes you crazier." Nach zwölf viralen Monaten wissen Teile von uns, was damit gemeint ist.

Künstlerisch bleibt Nick Cave dem Stream-of-Consciousness-haften Mäandern der Ideen treu, das Warren Ellis für die Bad Seeds seit dem Album "Push The Sky Away" von 2013 mit repetitiven Loops unterstreicht. Kostengünstige Vintage-Keyboards, zart klappernde Drum Machines und dazu gut und gerne endzeitlich gestimmte Streicher ziehen vorbei, während Nick Cave wie in "White Elephant" im Erzählbariton einen Herrenwitz reißt, den Tod von George Floyd thematisiert und über eine "Botticelli-Venus mit Penis" doch wieder einmal auf die Idee kommt, einen Refrain zu schreiben. Wir hören einen feierlichen Erlösungsschlager, während wir vor dem Eingang zur Hölle stehen: "A time is coming / A time is nigh / For the kingdom / In the sky."

Das hat seine fesselnd-dunklen und seine hübsch-lichten Momente, streift wie zuletzt 2019 auf "Ghosteen" aber zu oft am ätherischen Kitsch. "This song is like a rain cloud that keeps circling overhead." Weiß Gott, es versündigt sich dennoch, wer jetzt an den Barden Troubadix aus dem "Asterix" denkt.