Anfangs schien er nur ein Sonderling, der sich durch Anonymität interessant zu machen verstand. Er hatte einen dieser Sommerhits, die sich gerne zur Landplage auswachsen, wenn man ihnen an keiner Ecke mehr auskommt: "Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf’m Sonnendeck ..." Eigentlich war "Sonnendeck" mit seinen flirrenden Synthesizern und der suggestiven Melodie alles andere als ein schlechter Song, aber seine Leichtigkeit und unterschwellige Verschrobenheit indizierte einen Zufallstreffer und nichts deutete darauf hin, dass man von PeterLicht, anfangs noch als Meinrad Jungblut aktiv, nach den Jahren 2000/2001 noch einmal etwas hören würde.

Entspannter Opener

So kann man sich irren. Dieser Künstler erwies sich über die nächsten zwei Jahrzehnte als kreatives Kraftwerk, dessen Schaffens- energie Neid auslösen konnte; als Allrounder, der außer hervorragenden Platten auch Theaterstücke, Kurzgeschichten, Hörspiele, Zeichnungen und Zeitungskolumnen herausbrachte. Auf seine Anonymität bestand PeterLicht, dessen Alter genauso wenig bekannt ist wie sein richtiger Name, noch lange Jahre: Beim Bachmann-Wettlesen 2007 in Klagenfurt, bei dem er den Publikumspreis gewann, ließ er sich von hinten filmen, bei der Preisverleihung ließ er sich vertreten. Bei musikalischen Auftritten und Interviews im Fernsehen und online zeigte er sich frontal nur von unter dem Kopf. Heute ist sein Denkerantlitz in Videos und auf Plattencovers zu sehen. Den Anruch des Obskuranten ist er seit Ewigkeiten los.

PeterLicht ist ein akzeptabler Gitarrist; vor allem aber ein charismatischer Sänger und ein Meister des Wort(spiel)s - und beide Talente potenzieren einander. Mit einem Schuss Dadaismus und einem Hauch ungenierter Kindlichkeit führt er, unangestrengt mit Begriffen jonglierend und Bedeutungen verschiebend, Redewendungen und Plattitüden ad absurdum, die der sogenannte Diskurs liebt. Eines der schönsten Anschauungsbeispiele für seine verbalen Drahtseilakte, die bisweilen durchaus an Possenreißerei anstreifen können, ist seine Deutung der "Internationalen", die bei ihm 2018 "Emotionale - Hört die Signale!" hieß: Der "Borderliner" wird hier im Kontext der Worte "übergriffig" und "Grenzen dicht" vom Kranken zu dem, was der Terminus wörtlich übersetzt bezeichnete: jemand, der sich an einer Grenze aufhält.

"Ungerechte und Gerächte" passen ebenso stimmig zusammen wie "Selbstzerstörer aller Klassen und Kassen". Solche Gedankensprunghaftigkeit an der Peripherie der Logik findet sich auch auf PeterLichts neuer LP "Beton und Ibuprofen" gleich zu Beginn virtuos vorexerziert: "Wenn keiner mit dir reden will / dann müsst ihr schweigen / und irgendwann vor lauter Schweigen / beginnt ihr dann zu schlafen / wenn keiner mit dir schlafen will / weil ihr nicht schlafen könnt / zieht eure Schuhe an und lauft, lauft, lauft dem Schlaf davon", so heißt es im entspannten, leicht jazzigen Opener "Wenn du traurig bist".

Im Wolkenmeer

Der beschwingte Piano-Shuffle "Freunde" rechnet vor, dass hundertmal grau eben nicht ebensoviele "Shades of grey", sondern einmal schwarz ergibt, und greift dann unvermutet einen alten Slogan Jim Morrisons auf: "Keiner kommt auf die Dauer hier wieder lebend raus." "Ibuprofen", das mit seiner Mischung aus akustischen Gitarren und serieller Elektronik etwas an den früheren PeterLicht erinnert, veranschaulicht die Sinnleere des Alltagsgebrabbels mittels Diminutiv - "Ibuprofenchen" - und "Lebensweisheiten": "Wenn du was hast, dann musst du was nehmen." "Immer einen Schritt schneller als die Depression" zu sein ist das Credo im "Hit" des Albums, dem aufgekratzten "...e-scooter deine Liebe", das mit viel Esprit in Szene gesetzt ist.

"Beton und Ibuprofen" ist ein in sich geschlossenes Album: "Die Sprache der Augen" ist mit dem abschließenden "Die Sprache der Enden" verkuppelt, und selbst das Schmerzmittel taucht im Songgedicht "Lost Lost Lost World" wieder auf - und zwar bei einer Art Meditation während eines Interkontinentalflugs: Man sitzt, während alle anderen schlafen, am Bullauge, starrt, eine Packung Ibuprofen in der schweißnassen Hand, auf das Wolkenmeer und spürt bis ins tiefste Innere, wie nur wenige Zentimeter Glas einen vom ewigen Sog des Alls trennen.