Wenn der Zirkus in die Stadt kam, war immer ein Mordsbahöl angesagt. Es gab Zuckerwatte, Eis und Frittiertes und jedenfalls keine Schule, die man ja stagelte (aber psst!). Es gab Clowns, über die man sich zerkugeln und Trapezkünstler, bei denen man kaum hinsehen konnte. Allerspätestens beim Messerwerfer aber befürchtete man, hier und heute noch seinen ersten Toten zu sehen. Trommelwirbel, zipp-zipp, ta-dah! Zum Glück ging dann aber eh alles gut und man konnte währenddessen endlich auch den persönlichen Ernst des Lebens vergessen, der im Kern aus Verpflichtungen bestand. Zähneputzen, Hausaufgaben, nach dem Betthupferl schlafen gehen, wer will das schon?

Spartanisch instrumentiert

Heute ist es mit dem Mordsbahöl fürs Erste vorbei. Der Zirkus kommt aus bekannten Gründen nicht mehr in die Stadt, das fahrende Volk, es fährt nicht mehr. Distance Learning lässt sich auch nicht so gut stageln, wenn Mama und Papa auf der Schulbank daneben im Homeoffice sitzen. Überhaupt ist alles doof! Und von Zuckerl-Abusus und dem Sichzerkugeln mit den besten Freunden in einem Zelt auf einer Gstettn am Stadtrand kann man gegenwärtig nur träumen.

Insofern ist es nur konsequent, dass mit dem Wiener Liedermacher Ernst Molden und seinem Kollegen Nino Mandl alias Der Nino aus Wien ausgerechnet zwei Musiker, die derzeit nicht auftreten können, ein Gewerbe besingen, das sich seit einem Jahr auf Zwangspause befindet - und dies als Soundtrack zu einem Film, der (noch) nicht im Kino läuft. Das nun vorliegende Album mit dem programmatischen Titel "Zirkus" (Bader Molden Recordings) zu Harald Aues Film "Ein Clown. Ein Leben" über das Leben des Roncalli-Direktors Bernhard Paul ist also Hommage und Substitut in einem.

Immerhin gehen bei den zwölf spartanisch instrumentierten Songs Bilder vor dem geistigen Auge auf, die geschminkte erwachsene Männer mit viel zu großen Schuhen, wesentlich zu hoch sitzendem Hosenbund und einer als Wasserpistole gebrauchten Gummiblume am Revers inkludieren - oder grazile Akrobatinnen mit Wespentaille und Pailletten. Ernst Molden dazu hübsch lakonisch: "Warad i a Clown / No hätt i zwanzig Frauen / Und dazua: Ka Ruah!"

Wir sehen schon, es wird im Wiener Dialekt auf Humor gesetzt. Allerdings kommen, ganz nach Vorbild der beim Heurigen nicht selten bipolar gestimmten Eingeborenen, zum leiwanden Schmäh ab einem gewissen Zeitpunkt auch noch Spritzweindepressionen ins Spiel. Nicht nur diesbezüglich stellt Will Oldhams einst von Johnny Cash berühmt gemachter Tränendrücker "I See A Darkness" als "I siech wos Finsdas" einen ins Hiesige übertragenen Höhepunkt dar: "Mir worn öfter scho beim Wirtn und hom über Sochn gredt / Owa dass ma sitzt und labert, hast net, dass ma irgendwos vasteht . . ."

Helden des Lokalen

Überhaupt liefert das mit sämtlichen Mythen der (Vor-)Stadt und der Ursuppe des Austropop vertraute Doppel dabei weitere Sternstunden des Dialektsongs ab. Zeilen wie "Gfoid ma wos, mechad i’s hundat moi hom / In olle Sorten und in olle Forbn / In Himme sei Fuaßbodn is da Hö ihr Plafon / Und i mog’s net koit, sondern worm" präsentieren die beiden Musiker einmal mehr nicht nur als Helden der Lokale, sondern vor allem auch als Helden des Lokalen.

Sechs Jahre nach ihrem Überraschungserfolg mit den Austropop-Neuinterpretationen ihres ersten gemeinsamen Albums "Unser Österreich" (Patz 3 in den heimischen Album-Charts!) kommen uns die Ergebnisse auf dem Nachfolger also nicht von ungefähr vertraut vor. Trotzdem werden diesmal mit selbst geschriebenen Songs und dem erwähnten Themenschwerpunkt neue Wege beschritten, auch wenn diese pandemiebedingten Stillstand bedeuten. Stichwort S(t)ars in der Manege: "Und die Tankstön und die Kirchtirm und die Schienen / die dan tonzen, nur wir söba stengan überraschend stü / Aufsteh, oziagn, losfoan in da Fruah, is ollas wos i wü."

Wir lernen, dass die Gefahren am Trapez verglichen mit der Todesfalle Haushalt mitunter ein Lercherlschas sind ("Amoi foit wer gonz weit owe / und es is nix passiert / Amoi geht wer in die Bodwonn und sauft o, / stirbt"), und im Song "Mia gengan d’Viecha o", dass es mitunter alte Sehnsüchte hinterlässt, wenn sich der Zirkus verändert, um mit der Zeit zu gehen. Tiernummern gibt es im Roncalli seit 2018 nicht mehr. Auf die Rückkehr des Bahöls hingegen freuen wir uns alle!