"Wednesdays"-Albumcover.
"Wednesdays"-Albumcover.

Die Frage, ob man Werk und Künstler trennen kann, darf, soll und will, stellt sich für kunstinteressierte Menschen gar nicht so selten. Von Caravaggio bis Ernst Jünger, von Roman Polanski bis Woody Allen. Auch Ryan Adams, grundsätzlich ein sogenannter "schwieriger Charakter", wurde wegen Missbrauchsvorwürfen zu so einem "Fall": Mehrere Frauen, darunter seine Ex-Frau Mandy Moore und Phoebe Bridgers, haben ihm emotionalen und sexuellen Missbrauch vorgeworfen.

Album-Veröffentlichungen wurden verschoben, Konzerte noch vor der Corona-Krise abgesagt - mittlerweile sind jedoch sämtliche FBI-Untersuchungen eingestellt worden und es kam weder zu einer Anklage noch zu einer gerichtlichen Verurteilung. Aufmerksamkeit hätte sich der Songwriter jetzt auch wieder für seine Musik verdient. Bei "Wednesdays" handelt es sich um eines der besten Alben seiner an gelungenen Veröffentlichungen nicht armen Karriere.

Die elf Songs sind musikalische Manifeste des Zweifels und der Verzweiflung und Gänsehaut evozierende Melodramen, die stets einer musikalischen Gratwanderung zwischen Intimität und Intensität, Melancholie und Kitsch und Schmalz und Schmelz gleichen. Nur ganz wenige schwelgen, sehnen, flehen und leiden eindringlicher und klingen dabei so verletzt und verletzlich wie Ryan Adams.

Der mittlerweile 46-jährige Musiker betreibt auf diesem Album eine intensive Seelenschau, die weder vor persönlichen Schicksalsschlägen Halt macht - in "When You Cross Over" singt er auf berührende Weise über den Tod seines Bruders - noch vor seinen inneren Dämonen, die ihn sein Leben lang begleiten. Die fast manische Suche nach Liebe und die Angst, abgewiesen zu werden, die vielen Trennungen und die Furcht vor der Einsamkeit: Ryan Adams berichtet davon, sein Innerstes nach außen kehrend, in melancholischen Balladen, und er kann Townes Van Zandt - "Nicht alle meine Songs sind traurig, manche sind auch hoffnungslos" - noch im Tiefschlaf zitieren. Doch wie kein zweiter trotzt er den dunkelsten Themen noch Momente größter Schönheit ab - nur mit Stimme, Gitarre, Klavier und dezenter Schlagzeugbegleitung.