Es ist ziemlich selten geworden, dass man einer österreichischen Pop-Produktion ihre Herkunft anhört, wie das in der Urzeit des Austropop die Regel und manchmal auch lustig gewesen war (der "good styrian schnaps" des frühen Wilfried!). Das Englisch der Akteure ist annähernd perfekt, die Produktionsstandards brauchen den sprichwörtlichen internationalen Vergleich nicht zu scheuen.

Bei Hearts Hearts ist dieses hohe Niveau auf allen Ebenen so besonders ausgeprägt, dass es fast Argwohn auslöst. Nehmen wir ihren LP-Titel "Goods / Gods" (2018): raffinierter, lakonischer und schlauer geht es nicht! Nehmen wir ihren Sänger und Texter David Österle: Mit 34 Jahren ehemaliger stellvertretender Direktor am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie, Literaturprofessor und Buchautor! Und dazu Vorzeige-Popstar!

Oder nehmen wir den Sound: Diese so grandios austarierte Kunstfertigkeit, der einfach kein Abdriften in geschmackliche Untiefen passieren kann. Diese scheinbar mühelose Selbstverständlichkeit der klanglichen Inszenierung, die einem ständig das "Made in A" aus der Wahrnehmung radiert.

"Love Club Members" (Parramatta/Sony), das dritte Album des Wiener Quartetts, ist nun tatsächlich eine äußerst erfreuliche Angelegenheit. Hearts Hearts haben das formal eher enge Art-Rock-Korsett, das ihre bisherigen beiden Alben gerahmt hat, abgestreift und erlauben sich einfach alles: Up-Tempo-Dynamik im Piano-Design in "Rub My Eyes", Sehnsuchts-Sentiment in "Halo" und "Easy", weltbejahenden Überschwang in "Some
Oceans Away". Und es gibt die schon vorab bekannten Pop-Hits "The Fan" mit vokaler Unterstützung durch Oska und "Wild At Heart" mit tollem Falsett-Refrain.

Diese enthusiastische Vielseitigkeit repliziert Sänger Österle, der sich bisher oft wie ein Alias des Alt-J-Frontmanns Joe Newman angehört hat, in den schillerndsten - oder auch, wenn es sein muss, in den mattesten - Stimmlagen: In "Rub My Eyes" grummelt er tonlos wie Matt Berninger von The National, driftet in "Look At The Stars" abgehoben weg, gibt den empathischen Crooner in "Some Oceans Away". Und dass man, wie der LP-Titel nahelegt, mit dem scheinbar allertrivialsten Pop-Thema einem Club - der ja Exklusivität indiziert - beitreten kann, ist auch eine schöne Facette.

Downers & Milk - © Manuel Gruber
Downers & Milk - © Manuel Gruber

Wien hat sich immer ganz gut auf einen ganz speziellen Graubereich zwischen Folk und jenem Psycho-Blues australischer Provenienz, wie ihn Nick Caves Bad Seeds, Once Upon A Time, The Triffids oder The Blackeyed Susans kultiviert haben, verstanden. Bei der siebenköpfigen, im Kern aus den Songwritern Maxím Eczyk und Michael Varga bestehenden Formation Downers & Milk geht es etwas stärker in Richtung Folk, deswegen werden sie auch kurz und griffig als Folk Noir etikettiert.

Themen der Zeit

Ihr Debüt "Songs Of Fear And Flight" (Closing Time), dem 2018 die EP "Zozo" vorangegangen war, kreist um den Widerspruch zwischen Verlangen und dem Wissen um das Unvermögen, Nähe zu leben: eher eine Quelle für Zynismus und Desillusion denn Lebensfreude. Die musikalische Umsetzung ist allerdings, bei meist eher gemäßigtem Tempo, ein Fest der Stilvielfalt und Opulenz mit südlichem Flair in Balladen wie "Waterstruck", orchestralem Pomp in "No Reason", einem Hauch von Burleske ("Golden Fields") und durchaus auch geradlinigem Pop ("Out Of The Dark").

Als Appell gegen Apathie und Resignation will der Liedermacher und Autor Thomas Andreas Beck sein fünftes Album verstanden wissen: "Alles brennt" (Rhythm & Roses) äußert sich, mit Thomas Pronai an den Reglern, sporadischen E-Gitarren und verschiedenen Keyboards, wort- und bildgewaltig zu Themen der Zeit: dem Flüchtlingsdrama, der Corona-Krise und den Befindlichkeiten der Menschen, die mit Demagogen, Empathielosigkeit und Ungerechtigkeit klarkommen müssen. Das Motiv des Feuers, Zerstörer und Energiequelle zugleich, verdeutlicht das schon im Albumtitel recht schön.