Die eine oder andere Erkenntnis stellte sich bereits anhand der beiden Vorabsingles ein. Erstens: Wie man am Beispiel des Titelsongs "Chemtrails Over The Country Club" überprüfen kann, ist das gute alte, allerdings vom Sparzwang bedrohte Musikvideo im Blockbusterformat doch noch nicht tot. Zweitens: Dem Titel zum Trotz hat sich Lana Del Rey nicht für den Aluhut zum Cocktailkleidchen entschieden und trägt eh brav einen standesgemäßen, also paillettenbesetzten Mund-Nasen-Schutz vom feschen Designer.

Das Licht geht aus

In grobkörnigen Super-8-Bildern darf es währenddessen zwar einmal mehr um die glorreichen 1960er Jahre aus Perspektive des amerikanischen Höhere-Töchter-Milieus gehen. Es wird beim Jung- und Schön- und Reichsein am Rande des Swimmingpools also zunächst eine Geschmeideparty veranstaltet und unter Zuführung von extratrockenen Martinis und superprickelndem Champagner exakt nichts gearbeitet - außer an einem Damenspitz. Allerdings kippt das Geschehen später etwas zeitgemäßer auch noch in Richtung Dystopie, Apokalypse und Albtraum. Vorsicht, Obacht, Gefahr! Gegen den unruhigen Schlaf hilft dann wirklich nur mehr einer dieser auch als "Mother’s Little Helpers" bekannten richtigen Niederbügler, die man als Dame mit Stil am besten in der Schmuckschatulle versteckt.

Und drittens: Es dürfte sich bei der Kunstfigur Lana Del Rey tatsächlich um die Frau handeln, die Männern auch im Jahr 2021 noch das Gefühl vermittelt, dass alles so ist, wie es immer oder jedenfalls früher war. Früher ist sehr lange her: Sinnlich ins Ohr gewisperte Zeilen wie "Let me love you like a woman / Let me be who I’m meant to be" rütteln nicht nur erneut am feministischen Watschenbaum. Dazwischen kommt als Gruß aus der kaputten Wienerstadt mit "Let me hold you like a baby" auch noch der Kokainist Dr. Freud ins Spiel. Endlich wieder die Geborgenheit des Busens verspüren wie weiland bei Muttern! Dazu hört man einen hübschen Sperrstundensong, zu dem an der Bar langsam das Licht ausgeht. Die Sessel stehen auf den Tischen, im Hintergrund wird bereits der Boden gewischt, vorne fällt der letzte Cowboy nach seinem finalen Fluchtachterl Bourbon auf den Gehsteig.

Überhaupt wird in den elf neuen Songs inklusive eines als Digestif gereichten Joni-Mitchell-Covers gewaltig gebechert. Irgendwo findet sich noch immer ein einsamer Joe, der einen Jim oder einen Jacky spendiert. Nicht zuletzt "Tulsa Jesus Freak" spielt dann auch weniger bei den Müttern der Rich Kids und ihrem Prosecco-Frühstück vor dem Manhattan-Lunch und den Margaritas zum und nach dem Dinner, sondern im White-Trash-Soziotop der Flyover States und ihrer Liquor Stores: "We should go back to Arkansas / Trade this body for the can of gin ..." Und auch in "Not All Who Wander Are Lost" heißt es zu ins Bier weinenden Bluesgitarren: "The thing about being on the road / Is there’s too much time to think / About seasons of old / As you pour yourself a drink."

Superheiß und mega depri

Das große inhaltliche Narrativ sucht man auf "Chemtrails Over The Country Club" (Universal Music) aber vergeblich. Eher lässt sich ein Themenmedley attestieren, das die seit dem eigentlichen Debütalbum "Born To Die" von 2012 präsenten Kernsujets bündelt. Wir begegnen Frauen, die entweder "white hot", also superheiß oder mega depri sind - und gerne auch beides auf einmal. Wobei nicht zuletzt "White Dress" wieder einer dieser Lana-Del-Rey-Songs ist, die noch diskutiert werden dürften. Darin scheint sich die Protagonistin als "waitress, wearing a tight dress" im letzten Teenagerjahr "down at the men in music business conference" offenbar freiwillig zum Objekt zu machen.

Musikalisch wird mit Jack Antonoff als Co-Produzent bei leicht erhöhtem Country-Bezug dort fortgesetzt, wo im Jahr 2019 bereits der Vorgänger "Norman Fucking Rockwell!" überzeugte: Wir hören sparsam instrumentierte, im Tempo getragene und in der Lautstärke gedrosselte Songs, die in Klavierballaden wurzeln oder zu zarten Zupfgitarren viel Raum für die Stimme lassen. Im Falle des ausnahmsweise nicht in Kalifornien, sondern in den Südstaaten verwurzelten "Dance Till We Die" keimt außerdem Hoffnung auf. Und sei es die auf eine Bar ohne Schließtag. Cheers!