Bereits das Coversujet vermittelt Hoffnung und Zuversicht. Wie man derzeit etwa auch auf Instagram überprüfen kann, scheint die Sehnsucht nach ersten floralen Frühlingsboten nicht zuletzt nach einem langen Corona-Winter ziemlich groß zu sein. Das pflegeleichte, aber immer auch etwas langweilige Zimmergrün, die altvertrauten Topfpflanzen ("Burschen, bitte, geht’s spazieren!") und nicht zuletzt das traurig-kahle Geäst draußen im Hof hat man nun wirklich lange genug studiert, so der an den Untergang, das Verderben und den Tod erinnernde Nebelschleier es zuließ.

Drüben auf dem Nachbargrundstück ist bereits einer durchgedreht. Man erkannte die Silhouette eines Holzmörders im Blut-, also Astrausch an einem verdächtigen Geräusch. Wrum-wrum, roarr! So klingt die Pandemie der sägenden Lumberjack-Zombies, die bedeutet, dass ein Baum von einem Baum zu Kleinholz gemacht wurde. Ich habe geweint.

Close-ups auf Blüten hingegen erfreuen das Gemüt. Mit der optischen Gestaltung von "Solitary Company" (Fluff & Gravy) wurde also alles richtig gemacht. Das neue Album von Georg Altzieblers gemeinsam mit seiner Frau Heike Binder betriebenen Bandprojekt Son Of The Velvet Rat, gegründet vor bald zwanzig Jahren, erscheint passenderweise nicht nur zu Beginn der japanischen Kirschblüte, sondern auch näher am tatsächlichen als am meteorologischen Frühlingsbeginn in unseren Breiten.

"Solitary Company"-Albumcover.
"Solitary Company"-Albumcover.

Diesbezüglich ist die Rolle des Zufalls nicht zu unterschätzen. Immerhin ist die weite Teile des Jahres über am Rande der kalifornischen Mojave-Wüste beheimatete Band mit steirischen Wurzeln zur Fernprognose gezwungen. Frühling ist hierzulande, wenn im Burgenland die Störche zurückkehren und sogar das goldene Wienerherz plötzlich zu lächeln beginnt. Es kreucht und fleucht auf den Wiesen, es raschelt im Gebüsch ... Die Gegend um Joshua Tree hingegen stellt man sich aus der Ferne saisonal eher gleichförmig vor. Außer an den Ranches vorbeirollendem Tumbleweed und atemberaubenden Sonnenuntergängen inkludiert das entsprechende Klischeebild Staub, Felsen und nicht umzubringende Kakteen, denen kein mit Kettensäge ausgestatteter Holzzombie Böses will. Hallo, Kakteen stechen zurück!

Sperrstundenballade

Zumindest einer der zehn neuen Songs korrespondiert mit dem von der Grazer Schriftstellerin Valerie Fritsch geschossenen Coverfoto auch inhaltlich: Die in bester Folktradition stehende Zupfgitarrenminiatur "The Waterlily & The Dragonfly" bietet einen mitsommerlichen Ausflug zu einem im Mondschein gelegenen Teich mit seinen Wasserlilien, Libellen und Grillen, sprich auch metaphorisches Nature Writing. An den Wahrheitsgehalt einer Textzeile aus dem zurückgenommenen Opener "Alicia" glaubt man an dieser Stelle des 42-minütigen Albums übrigens längst nicht mehr: "I am just the singer, not the song." Georg Altziebler ist im allerbesten Sinne hörbar viel zu eins mit seiner Kunst, als dass auch nur ein Notenblatt zwischen diese und den Autor passen dürfte. Man höre diesbezüglich auch das ans Herz rührende Liebesbekenntnis "11 & 9" über die Liebe als größten anzunehmenden Glücksfall: "You make me a better man!"

Vier Jahre nach dem gemeinsam mit dem Grammy-prämierten US-Produzenten Joe Henry überwiegend live aufgenommenen Vorgänger "Dorado" zeichnet sich "Solitary Company" um seinen als Oxymoron angerichteten und inhaltlich einer Art Hotelzimmerblues geschuldeten Titelsong ("Here come the wallpaper ghosts again / And I’m falling under their spell ...") mit seinen aufgeriebenen Vibratostreichern und einer Drehleier als zentralem Instrument überhaupt durch seinen Abwechslungsreichtum aus. Vom gepfiffenen Staubwüstentwang hinter "Stardust" über das mit seiner Hammondorgel beschwingte "Beautiful Disarray" oder das im Stil einer Skiffle Group geschrubbte "The Ferris Wheel" mit Jahrmarkthintergrund bis hin zur postmortalen Sperrstundenballade "Remember Me" reicht die Palette.

Mit "When The Lights Go Down" ist Altziebler zu himmelwärts fahrenden Stoßseufzern außerdem wieder einer dieser richtig großen Songs gelungen, die als Tränendrücker noch in der finstersten aller Nächte eine Lichtquelle finden. Trost ist nahe! Der Frühling kommt.