Der Rorschachtest ist bekanntlich nicht nur in der Psychologenszene eher umstritten. Auch der eine oder andere Proband hat damit so seine Probleme, wenn er etwa hinter einem vermeintlichen Schmetterling den Teufel erkennt, der mit drohender Gebärde das Ende der Menschheit ausruft. Tiefenpsychologisch besteht hier immer die Angst, dass man sich als fleischgewordene Fehldiagnose in einer Zelle mit Dr. Hannibal Lecter wiederfinden könnte, wo man doch gerade noch als der nette Familienvater aus der Reihenhaussiedlung galt. Über den behaupten die Ex-Nachbarn auf einmal im Fernsehen: "Er war immer so freundlich. Aber da war dieser Blick!!" Das Böse wohnt in uns selbst. Es wohnt aber auch nebenan.

Auf dem Cover seines neuen Albums "Rorschach Test" (29 Music) rekelt sich der 1969 im schwedischen Trollhättan geborene Sänger und Songwriter Jay-Jay Johanson zwar wieder geplagt und einsam im Bett, wie man es von ihm gewohnt ist - also ganz im Sinne tieftraurig-verlassener alter Songtitel wie "She’s Mine But I’m Not Hers", "Alone Again", "Suffering" oder "We Used To Be So Close". Allerdings wird mit der Montage einer auf den Schweizer Analytiker Hermann Rorschach zurückgehenden Bildtafel aus dessen bekanntem Formdeutungsverfahren eine weitere Ebene eingezogen. Die zehn neuen Songs bestätigen den Eindruck, dass der große Tragöde der kleinen Form (vier Minuten Weltschmerz für immer . . .) heute auch bei Doktor Freud vorbeischaut und sich nicht zuletzt in Behandlung bei sich selbst begibt.

Dieser auch unter Zuhilfenahme von Notizblock, Kugelschreiber und einer Sorgenfalte auf der Stirn praktizierte Selbstheilungsversuch steht stärker noch als auf zahllosen aktuellen Alben vor dem Hintergrund der Corona-Krise und des mit ihr einhergehenden Rückzugs in die eigenen vier Wände. Wobei bei Jay-Jay-Johanson die Vertrautheit mit dem Thema - bereits das Debütalbum "Whiskey" inkludierte im Jahr 1998 Songs wie "It Hurts Me So" und "The Girl I Love Is Gone" - für einen langzeittherapeutischen Ansatz spricht: Überall und nirgendwo, traurig ist er sowieso.

"Rorschach Test"-Albumcover.
"Rorschach Test"-Albumcover.

Auch wenn neue Songs wie "Why Wait Until Tomorrow" als (post-)pandemische Lehre Nummer eins alsbaldiges Handeln (be-)schwören: Der innere Schweinehund bleibt der natürliche Feind des einsamen Tigers. Begehrt wird also auch, aber im Stillen. Hübsche Zeilen wie "I don’t like you . . . / I adore you!" künden ebenso davon wie ein Albumhighlight namens "Vertigo" mit Jay-Jay Johanson in der Rolle des Alleinunterhalters im Hotel zum gebrochenen Herzen. Die titelgebende Nähe zu Alfred Hitchcock kommt dabei nicht von ungefähr. Bereits das Album "Poison" zeigte den Fan von Hitchcocks Haus- und Hofkomponisten Bernard Herrmann in der Tradition eines gewissen Norman Bates ("Psycho"). Auf "Rorschach Test" nun gerät ein Song wie "Stalker" zum akustischen Vexierbild aus dem innersten Inneren. Ist da jemand? Jein!

Dazu setzt es perkussive Loops, abgebremste Breakbeats, hörbar in den 1990er Jahren verwurzelten Trip-Hop und so zeitlosen wie aus der Zeit gefallenen, blau phrasierten Jazzgesang, abgeschmeckt mit etwas Gospel ("Amen") und einer nahe an Eric Satie gehaltenen Klavierkontemplation ("Andy Warhol’s Blood For Dracula"). Sitzung erfolgreich. Patient nahe am Wasser gebaut.