Selbst Corona kann - bitte nicht falsch verstehen! - gewisse positive Facetten an sich haben. Mira Lu Kovacs hätte, hin- und hergerissen zwischen ungefähr 39 Projekten, nie Zeit und Muße gefunden, ihr erstes Album unter eigenem Namen zu schreiben, einzuspielen und, zusammen mit Sophie Lindinger, zu produzieren.

Denn ziemlich beiläufig hat sich die 33-Jährige zu einer Art Powerfrau der österreichischen Indie-Szene entwickelt: als Frontfigur und Songwriterin des Folk-Rock-Trios Schmieds Puls. Als versierte Wortspielerin und Vokalistin der gefeierten Freestyle-Formation 5K HD. Und schließlich als natürliche Autorität in der "Supergroup" My Ugly Clementine, in der sie kreativ nicht die Hauptrolle besetzt (die gehört ihrer durch das Elektronik-Duo Leyya profilierten Kollegin Sophie Lindinger), aber allein aufgrund ihrer Erfahrung und ihres Charismas die Außen-Präsentation fokussiert und vorführt, dass sie durchaus auch Rock-Star kann.

Nebenher eröffnete sie 2018 die Wiener Festwochen, interpretierte mit dem Cellisten Lukas Lauer-mann klassische Lieder von Henry Purcell bis Franz Schubert, kuratierte 2019 das Wiener Popfest, spielte in der Theaterproduktion "Ganymed in Love" und verpasste mit dem Bassisten und Elektroniker Manu Mayr (gleichfalls 5K HD) dem Belvedere Museum ein Sounddesign.

Zwischentöne

In dieser Tonart wäre es wohl weitergegangen, hätte nicht das Virus unser aller Leben gravierend "umgestaltet" - und das von Kovacs, die im Herbst (mit mildem Verlauf) an Covid-19 erkrankte, besonders. Die Abstinenz von öffentlichem Auftreten, das bei ihr, ein wenig im Widerspruch zum introspektiven Image, viel ausmacht, räumte der Künstlerin die Zeit und Möglichkeit ein, Sound-Nuancen auszuloten, Songs zu entwickeln, ihnen die richtige Tonalität zu geben: Das heißt auch, die richtigen Zwischentöne zu finden - zwischen Fragilität, Selbstbehauptung und nüchterner Reflexion.

Wenig überraschend für ein weitgehend in Zurückgezogenheit entstandenes Projekt, ist "What Else Can Break" ein Album geworden, das sich, teils in Kontrast zum letzten Schmieds-Puls-Album "Manic Acid Love", alle Zeit der Welt nimmt und Zurückhaltung leistet. Meist genügt den Songs eine akustische Gitarre, ein gelegentlicher Bass, und vereinzelte Klarinetten-Einsätze nehmen sich in diesem spartanischen Umfeld wie Zierrat aus. Und wenn, wie im Opener "Stuck", gar einmal Drums zu prominentem Einsatz kommen, wirkt es schon fast harsch.

Aufwand findet sich eher in der Wahl besonderer Stilmittel wie zum Beispiel der berückenden Coda in "Hold Me Responsible" oder einem repetitiven und erst ganz am Ende etwas variierten Instrumental mit dem Titel "Zufriedenheit", das Kovacs, so der Untertitel "1999" als Hinweis auf das Entstehungsjahr zu deuten ist, im Alter von 11 Jahren geschrieben hat. Vor diesem also "luftdurchlässigen" Hintergrund geht Kovacs mit ihrer hohen Stimme durch ungefähr alle Emotionsstufen (rasende Aggression ausgenommen). Sie kann, wie in "84", den frostigen Klageton eines Grant-Lee Phillips oder des Beck von "Sea Change" anschlagen, sie kann es auch leichter geben ("Want You") oder sich sehnsuchtsvoll (aus einer unbefriedigenden Beziehung) wegträumen wie in "Pull Away".

Keine Gewissheiten

Im Zusammenspiel mit Kovacs’ originärem Englisch - perfekt in der Sprachbeherrschung, eigen im Erzählduktus - eröffnet die Biegsamkeit ihrer Stimme den Texten öfters mehrere Erlebnisebenen. So ist es möglich, dass Kovacs in "Hold Me Responsible" wie auch in "Most Beautiful Boy" - beides Lieder von / über Liebe - Involvierte (also Liebende) und distanzierte Beobachterin zugleich sein kann.

Je differenzierter und zarter die stimmlichen Nuancen im finalen Teil von "Most Beautiful Boy", desto mehr scheint sich Kovacs vom Subjekt (Objekt?) ihrer Verehrung zu entfernen. Am Ende verlieren sich die Gewissheiten; was bleibt, ist die Einsicht, dass wir auf der Welt nur Durchreisende sind. Und was daher als Einziges zählt, ist das Durchhalten: "There is no point to try and make amends / just stay a little longer."