Der Einstieg klingt wie ein Kommentar zur #BlackLivesMatter-Bewegung - und auf eine gewisse Weise ist er das auch: "We’re tired of being white / And we’re tired of being black / And we’re not going to be white / And we’re not going to be black any longer / We’re going to be voices now."

Dabei gehen die Zeilen auf Leonard Cohens bereits im Jahr 2006 publiziertes "Book Of Longing" zurück und münden in ein universelles Plädoyer gegen den Hass und für die Liebe. Diesbezüglich beweist auch das Gesamtwerk des Meisters, dass bei aller Dunkelheit da draußen immer noch eine Hoffnung besteht, die man nicht aufgeben sollte. Der gute alte Seelentrost lautet: "There’s a crack in everything / That’s how the light gets in."

Die schwedische Band First Aid Kit um die Schwestern Johanna und Klara Söderberg startet mit dieser Rezitation jedenfalls in ihr nun vorliegendes Tributealbum "Who By Fire" (Sony Music) und sorgt dafür, dass das Licht auch weiterhin nicht ausgehen will. Im Rahmen von vier Live-Konzerten mit befreundeten Musikern im März 2017 und somit nur wenige Monate nach dem Tod des großen kanadischen Liedermachers und jüdischen Zen-Buddhisten in Stockholm eingespielt, standen und stehen dabei neben den meisten Klassikern von "Suzanne" über "Chelsea Hotel #2" bis hin zu "So Long, Marianne" auch frühe Gedichte und spätere Lieder ("Show Me The Place") auf dem Programm.

Kathedralischer Hall

Gerade zu Ostern kommt es dabei zu einer Wiederauferstehung im Geiste. Diese inkludiert außer lebenslangen Themen wie Liebe und Sex, Tod und Dunkelheit sowie Begleiterscheinungen wie einen Sturzbach aus Tränen und Rotwein natürlich auch die Religion und den Glauben. Immerhin geht bereits der Albumtitel auf die mittelalterliche jüdische Legende über Amnon von Mainz zurück, der sich einst vom Erzbischof seiner Stadt doch nicht zum Christentum bekehren lassen wollte - und dafür seine Hände und Füße abgehackt bekam. Und während kathedralischer Hall über Teilen der Aufnahmen liegt, klingen First Aid Kit bei "Prayer For Messiah" endgültig wie beim Vorlesen der Fürbitten in der Kirche.

Leonard Cohen war ein freundlicher Mann. Das bedeutet in Bezug auf das eigene Werk auch eine große Freude über jede einzelne Coverversion. Überliefertes Zitat: "Wann immer ich jemanden höre, wie er einen meiner Songs aufführt, stirbt meine kritische Urteilsgabe einen plötzlichen Scheintod." Der Songwriter begrüßte Fremdinterpretationen also nicht nur aus guten ökonomischen Gründen (die Tantiemen!). Dabei haderte man selbst spätestens bei der 876.000. "Hallelujah"-Darbietung in der städtischen Fußgängerzone oder einer entsprechenden Coverversion von Helene Fischer doch etwas mit seinem Glauben. Am besten sind Leonard-Cohen-Lieder, wenn sie von Leonard Cohen gesungen werden.

First Aid Kit hätten den Meister nun freilich bereits mit ihrem Harmoniegesang in Ekstase versetzt. Der klingt, als tirilierten die Engelein der Erlösung an der Pforte zum ewigen Himmelreich ihre Heilsversprechen. Dazwischen liegt mit "You Want It Darker" nur noch das von zwei jungen Frauen der Jahrgänge 1990 und 1993 erstaunlich überzeugend dargebotene musikalische Nahtoderlebnis eines sterbenden Mannes - und die Neusichtung der Zukunft von einst, die mitunter die Zukunft von heute ist: "I’ve seen the future, brother / It is murder."