Bereits die im Jänner des Vorjahres veröffentlichte Debütsingle kam als Ansage daher. Darin ging es unter Beigabe von Twanggitarre, Grummelbass, Trompete und dem Desperado- und Outlaw-Gefühl einer All-female-Gang aus der Vorstadt eher schlecht gelaunt zu.

Bei gewissen textlichen Querbezügen zu Christian Anders, wenn dieser als wienerstädtischer Misanthrop zur Welt gekommen wäre ("Du gehst vorbei und du schaust net auf / Blick auf da Stroßn, so richtig scheiß drauf"), und Falco ("Da Wind waht und du woast, du bist in Wien ...") intervenierte das Lokalkolorit nicht nur in Form eines besungenen Kanals, wie man ihn vielleicht noch aus dem "Hofa" von Wolfgang Ambros aus dem fernen Jahr 1971 her kennt. Auch sah man die Wiener Band Zinn beim kunststudentisch gefärbten Hinwegbrandinesern der Tagesfreizeit im Milieu der Tschocherl und Tschumsn. Dort geht die Sonne erst niemals auf.

Passenderweise hieß der Song "Diogenes" und bezog sich draußen in Hernals zwischen Friedhofstribüne und Café Defizit auf den antiken Kyniker Diogenes von Sinope. Der hauste zeitlebens in einer Tonne, bezeichnete sich als Hund und empfing Alexander den Großen mit einer, wie man heute sagen würde, saloppen Begrüßung: "Geh mir ein wenig aus der Sonne!"

Die Hölle, die anderen

Wie hündisch sich das Selbstbild der Gruppe Zinn ausnimmt und wie sie es mit der Sonne hält, wäre jetzt noch zu klären. Allerdings sind die verdunkelten Ray-Ban-Brillen relativ eindeutig eher nicht nur dazu da, die lustigen Pupillen vor der Exekutive zu schützen, sondern ganz grundsätzlich, um eine Wand gegen die Außenwelt aufzuziehen. Die Hölle, das sind noch immer die anderen.

Als einen der diesbezüglichen Höhepunkte auf dem am Freitag erscheinenden Debütalbum der Band Zinn mit dem Titel "Zinn" (Numavi Records) poltert der punkistisch gestimmte Garagenrock von "Black Lake" aus den Boxen, dass es eine Art hat. Mit der alten Ramones-Gedenk-Lederjacke und einer Flasche Schnaps für den Teufel wird mit diesem eine Amour fou eingegangen.

Auch der gute alte Beidlrock erlebt hier ein Revival. Dank Margarete Wagenhofer, Jasmin Strauss und Lilian Kaufmann wird er heute aber von einer reinen Frauenband aus der Versenkung geholt, wobei die Gitarre wie der Ur- und Brunftschrei des Rock ’n’ Roll klingen darf. Dieser und die Ausschweifung als solche sind das Tor zu einem Paradies namens Hölle, aber auch ein längst von der Sittenpolizei oder Erfindungen wie Hip-Hop bedrohtes Kulturgut.

Im Falle von "Black Lake" jedenfalls geht es mit ausgestrecktem Mittelfinger und schamanischem Hexengesang um die Gefahr und unter besonderer Berücksichtigung von Kirchenanzünderei, Wegelagerung und Vagabundieren auch um den Widerstand - sowie darum, einmal ordentlich auf den Putz zu hauen. Männer aus Fleisch und Blut braucht die Band dazu keine - auch der Teufel hat einen Schwanz. Man merkt es schon, manchmal ist das Leben bei Zinn ja trotz allem ein Heidenspaß.

Die Kunst des (Un-)Möglichen

Als okkult sollte man sich das Trio aber keinesfalls vorstellen. Neben der erwähnten kunststudentischen Note lässt der selbstdeklarierte "Weird Folk" auch melancholisch-lichtere Querbezüge etwa zu Stella Sommers Band Die Heiterkeit zu - man höre den lakonischen Lo-Fi-Schluder- und Schrammelrock von "Lethargie" aus dem Inneren des ersten Lockdowns. Aber auch dunkle Jahrmarktspsychedelik mit Akkordeon ("Windmühlen") und das musikalische Grenzland von Shoegazing und Dreampop bei einer Reise durch Japan mit dem "Shinkansen" sind zu nennen. Die philosophische Grundierung der Band kommt außer bei "Diogenes" übrigens auch bei "Qualia" durch. Die Frage nach dem subjektiven Erlebnisgehalt eines mentalen Zustandes wird dabei auf Zwischenmenschliches heruntergebrochen.

Ganz anders können Zinn aber auch. "Giftige Schlangen machen Politik / Nach unten treten ist das Prinzip / Nicht nur die Dummen, nein / Alle machen mit": Der Song "Wiederholung" ist eine veritable Verbalwatsche für die Kunst des (Un-)Möglichen ohne Anstand und Genierer, bevor "Soma 451" den Schlusspunkt dystopisch zwischen Aldous Huxley und Ray Bradbury, aber auch urwienerisch-morbid unter der Erde setzt. Toll!