Wir zerstören unsere Umwelt, verbauen die letzten Naturflächen in der Stadt, gehen gegen den Klimawandel auf die Straße, tun aber selbst wenig dagegen, und das Wort Rücksicht können wir nur schreiben, aber kaum anwenden. All dies haben Die Entspannten in ein einziges Lied gepackt, das auf ihrem neuen Album "Wagerlfahr’n" zu finden ist: "A Alleebaum hat’s net leicht" heißt eine von insgesamt 14 Nummern (eine davon gibt es in zwei Versionen), die auf der CD (man kann sie natürlich auch als Downloads kaufen) enthalten sind. Die "Wiener Zeitung" durfte vor der für 8. Mai geplanten Veröffentlichung des Jubiläumsalbums – die Band feiert nämlich heuer ihr zehnjähriges Bestehen – hineinhören.

Wie üblich haben Die Entspannten alle ihre Texte selbst geschrieben und alle Melodien selbst komponiert. Dabei zeigt sich einmal mehr die musikalische Bandbreite der Mitglieder, die beruflich aus unterschiedlichen Ecken kommen: Sologitarrist und Sänger Wolfgang "Roger" Rohorzka ist Volksschullehrer, Rhythmusgitarrist und Sänger Kurt "Kubi" Huber sitzt als Beamter in einem Ministerium, Perkussionist und Sänger Friedl Zach arbeitet bei einer Versicherung, und Wolfgang Maresch-Zencica, der als Techniker für den guten Ton sorgt, ist im Hauptberuf Sozialberater. Nur den Stehbassisten und Sänger Roman Wieser könnte man als Product Manager bei Yamaha Music als vom Fach bezeichnen.

Eines aber eint das Quintett, das man als "in den besten Jahren" beschreiben könnte: Alle fünf haben ein gerüttet Maß an Lebenserfahrung, das sie in ihre Lieder einfließen lassen. Es sind zynische Texte, serviert mit einem freundlichen Lächeln, die zum Beispiel davon handeln, wie ein Vater damit umgeht, dass sein kleines Töchterlein irgendwann groß wird und nicht mehr zu ihm aufschaut (kommt Ihnen bekannt vor? Na, wem von den Musikern nicht!). Oder sie setzen sich mit der Frage auseinander, warum zum Teufel man sich zwei Wochen lang mit lauter Wildfremden auf einem Kreuzfahrtschiff einsperren lässt und das dann "Urlaub" nennt. Apropos Urlaub: Egal, wie schön es der Wiener dort hat – letztlich will er doch wieder zurück in seine Großstadt. Und wenn er dann wieder dort ist, grantelt er darüber und kann es kaum erwarten, ihr endlich zu entkommen. (Detail am Rande: Die Entspannten kommen eigentlich aus Wiener Neustadt, haben aber natürlich Wien-Bezüge.)

Kinder-, Einkaufs- und andere Wagen

Auch sonst behandeln Die Entspannten Themen aus dem echten Leben: Sie singen vom Altwerden und natürlich von zwischenmenschlichen Beziehungen. Und wenn das Album schon "Wagerlfahr’n heißt", dann dürfen natürlich die entsprechenden Lieder nicht fehlen. Sei es mit dem Einkaufswagen im unübersichtlichen Ikea oder im Supermarkt (wo ein Akademiker die Regale einschlichtet), als Baby im Kinderwagen, als junger Mann im Sportcoupé oder als Opa am Rollator – Hauptsache, es hat vier Räder. Wagerlfahr’n halt.

Stilistisch werden Die Entspannten ihrem Bandnamen gerecht, wenn sie zum Beispiel bei ihrem Alleebaum-Lied gemütliche Wienerlied-Geigen und -Gitarren einsetzen. Später kriegen sie den Blues (etwa auf der Kreuzfahrt), um ganz zum Schluss beim Bonus "Geh, Papa! (Vollgas)" E-Gitarren heulen zu lassen. Auch Pirron & Knapp lassen wieder zwischendurch genauso grüßen wie Willi Resetarits oder Reinhard Mey, denn auch im Balladenfach sind die vier Musiker daheim. Jedes Lied, so scheint’s, hat sein eigenes Arrangement, nur die die Stimmen sind immer dieselben. Und die Machart der lakonischen Texte, die so wie die Musik dem Bandmotto entsprechen: "Gfeanzte Lieder ohne Firlefanz." Sprich: Simpel, klar – und doch jedes Wort mit heiterer Ironie wohlüberlegt gesetzt. Die Herren nehmen das Leben, wie es kommt und dabei auch sich selbst nicht immer allzu ernst. Auch das lernt man mit zunehmendem Alter.

Entspannt ist auch der Umgang der Bandmitglied miteinander, meint Roger Rohorzka, der im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" feststellt: "Ich finde es ziemlich bemerkenswert, dass wir so lange durchgehalten haben, obwohl wir nach wie vor ausschließlich eigene Lieder spielen, noch immer Spaß dran haben und uns auch noch nicht zerstritten haben. Deswegen sind wir auch durchaus ein bisschen demütig." In dieses Bild passt auch, dass die neue CD im Online-Shop unsigniert 15 Euro kostet – und mit Autogrammen auch 15 Euro. Denn, so ehrlich muss man sein, eine Signatur werden sich vermutlich letztlich doch eher Freunde und Verwandte holen – und für die setzt man doch gern eine Gratis-Unterschrift aufs Booklet. Aber wer weiß, vielleicht schafft die Gentlemengroup ja doch noch irgendwann auch den Durchbruch ins Formatradio? Dann überlegen sie es sich vielleicht mit der Signatur zum Nulltarif.

Kurt "Kubi" Huber, Roman Wieser, Wolfgang Maresch Zencica, Wolfgang "Roger" Rohorzka und Friedrich "Friedl" Zach machen seit nunmehr zehn Jahren gemeinsam "gfeanzte" Musik. - © Alex Schwartz
Kurt "Kubi" Huber, Roman Wieser, Wolfgang Maresch Zencica, Wolfgang "Roger" Rohorzka und Friedrich "Friedl" Zach machen seit nunmehr zehn Jahren gemeinsam "gfeanzte" Musik. - © Alex Schwartz
Vorläufig aber laufen Die Entspannten zugegebenermaßen im Bereich der regionalen Insidertipps. Immerhin: Auf Facebook haben sie schon mehr als 600 Abonnenten. Und der Musiksender Österreich Radio hat sie auch schon gespielt. Ein Stück des Weges bis ins ORF-Radio wäre also schon geschafft. Wobei: Natürlich fänden sie es sicher schön, wenn sie auch der Mainstream für sich entdeckte. Aber irgendwie hat man das Gefühl, dass diese fünf Herren ihre Lieder in erster Linie für sich selbst machen. Weil es ihnen einfach ein Bedürfnis ist, das, was sie beschäftigt, musikalisch zu verarbeiten. Ganz ohne den Druck, davon leben zu müssen. Weil sie ja alle Brotberufe haben, die ihnen auch wiederum reichlich Stoff für neue Lieder liefern. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum auch ihr neues Album so locker-leicht daherkommt – richtig entspannt halt.

Jubiläumskonzert im November

So es das Virus zulässt, kann man Die Entspannten übrigens bald auch wieder live hören, nämlich zum Beispiel am 4. Juni im "Tschocherl" in der Wurmsergasse. Und mit der Stadt Wiener Neustadt wurde für 12. November in den Kasematten ein Jubiläumskonzert ausgemacht. Ob diese und weitere geplante Termine halten, hängt freilich davon ab, wie entspannt der Rest der Bevölkerung mit den Corona-Maßnahmen umgeht und sich somit die Infektionslage weiter entwickelt. Apropos: Corona kommt auf dem aktuellen Album nicht vor. Einen Corona-Song haben Die Entspannten  aber schon aufgenommen (und der "Wiener Zeitung" vorab exklusiv zur Verfügung gestellt). Vielleicht folgen dem ja noch weitere neue Lieder, die sie dann dem Virus und seinen Wirten widmen. Wenn schon die anderen Wirte nicht offen haben. Denn gerade in Zeiten wie diesen können wir "gfeanzte" Lieder mit einer gewissen Entspanntheit besonders gut brauchen.