Dass Charles Lloyd weiterhin Alben herausbringt, grenzt an ein Wunder. Nicht nur, weil der Jazz-Saxofonist mittlerweile 83 Jahre zählt. Lloyd, in den Sixties zu einer Art Rockstar aufgestiegen, sah einige Hippie-Kollegen auf den Drogentod zuschlittern. Er selbst kehrte den Eskapaden zugunsten einer Meditationslehre den Rücken und ließ sich erst Jahre später wieder für die Bühne begeistern.

Der Seelenfriede der spirituellen Praxis hallt auch durch Lloyds Musik. "Tone Poem" ist bereits das dritte Album seiner Band The Marvels, besetzt mit dem Ausnahmegitarristen Bill Frisell, Schlagzeug-Gott Eric Harland, Pedal-Steel-Gitarrist Greg Leisz und Bassist Reuben Rogers: Die Stücke pendeln zwischen psychedelischen, swingenden Soundlandschaften und leutseligen Grooves. Dabei sorgt Lloyd auch dort für Prägnanz, wo die Musik am Freejazz schrammt: Seine ziselierten Saxofon-Linien tönen weiterhin grazil und fast so luftig wie das Timbre seines Zweitinstruments, der Flöte. Davon profitiert schon zu Beginn Ornette Colemans "Peace", hingehaucht wie eine Wolke Schwebeteilchen, während das nachfolgende "Ramblin’" mit einem rockigen Groove überrascht, den Lloyd raffiniert abstrahiert. Natürlich darf auch auf diesem Album keine musikalische Predigt fehlen - abgehalten in Form des betörenden Langstrecken-Instrumentals "Prayer".