Im Prinzip dürfte diese Musik keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken: Ein schweres, apodiktisch von jeglichem Originalitätsanspruch befreites Gitarrenriff fräst den Weg frei für einen Rhythmus, der zwar schon Tempo aufnimmt, sich aber nicht wirklich abhetzt. Dazu quengelt einer, dass er in und mit seinem Leben nicht so ganz zurechtkommt. Fast demonstrativ ambitionslose Musik - mit Spielfreude vermittelt. Musik, die weiß, was geht und was nicht: Ein Tag hat nicht mehr als 24 Stunden, ein Meter nicht mehr als hundert Zentimeter und ein Trio nicht mehr als drei Leute - auch wenn sie J Mascis, Lou Barlow und Emmett Jefferson Murphy III alias Murph heißen und gemeinsam als Dinosaur Jr. bekannt sind.

Differenzen

Dinosaur Jr.? Ach ja, die gibt’s auch wieder. Lange sogar schon, nämlich bereits gut eineinhalb Jahrzehnte nach einer nominellen Auszeit von Ende der 90er bis Mitte der Nullerjahre. Ihr neues Album, "Sweep It Into Space", ist ihre bereits fünfte Platte seit dem Comeback. Und eine erfreuliche obendrein.

Natürlich: Verblüffen, frappieren können die drei Herren aus Massachusetts heute kaum mehr. Die Phase, in der es das spielte, ist im Wesentlichen durch zwei Alben definiert und endete bereits in den späten 80er Jahren: Nach einem noch abtastenden unbetitelten Debüt aus 1985 brachten Dinosaur Jr. auf "You’re Living All Over Me" (1987) und "Bug" (1988) melodische, melancholietrunkene Schönheit auf Kollisionskurs mit stählernen Rhythmuskörpern und Gitarren, die klangen, als würden gleichzeitig Tonnen von Glas splittern und Schneidbrenner im Akkord arbeiten. Bandinterner Zwist beendete diese Pionierzeit, da sich der nicht nur von Depressionen, sondern auch von diktatorischen Anwandlungen angekränkelte Sänger, Gitarrist und Songschreiber J Mascis und Bassist Lou Barlow heftig in die langen Haare kriegten und Barlow die Band verlassen musste.

In Phase zwei, die bis in die späten 90er dauerte, kapitalisierte Mascis - mit fallweiser Unterstützung durch Schlagzeuger Murph oder überhaupt allein - den Trend, den er selbst maßgeblich mitkreiert hatte: Als Wegbereiter des gitarrenkrachlastig an der Welt leidenden Grunge waren Dinosaur Jr. nun gefragter denn je, obwohl die Musik mittlerweile etwas von ihrer hochexplosiven Schnellkraft eingebüßt hatte, etwas Speck anlegte und Mascis gesanglich einen Hang zum Raunzen entwickelte.

In Phase drei firmiert der Ober-Dino ohne signifikante Änderungen am Klangbild als J Mascis + The Fog. Erst 2005 konnten er und Barlow, der inzwischen Anerkennung als Singer-Songwriter und Frontmann des Alternative-Rock-Ensembles Sebadoh gefunden hatte, ihre Differenzen so weit ausbügeln, dass gemeinsame Auftritte und ab 2007 auch wieder eine regelmäßige Plattenproduktion möglich waren. Seither konterkariert Barlow mit seiner sonoren Stimme auf jeder Dinosaur-Jr.-LP mit zwei seiner Songs Mascis’ wehklagendes Näseln.

Halsbrecherisch

Einem von diesen wird bei "Sweep It Into Space" zentrale Bedeutung eingeräumt: Die Ballade "Garden" ist dem Album als Single vorangegangen. Im dazugehörigen Video von Barlow und seiner Frau Adele sieht man die Musiker behandschuht und mit Ausnahme des Drummers mit Gesichtsmasken im Schnee spielen. Der titelgebende Garten ist klar als Rückzugsort zu identifizieren; der Song will indessen Mut machen und Abwehrkräfte stärken. Der Kontext ist klar: Corona traf auch Dinosaur Jr. und verzögerte die Veröffentlichung von "Sweep It Into Space" um fast ein Jahr, ehe es nun am kommenden Freitag erscheint.

Auf die Inhalte hat sich die Pandemie wohl kaum niedergeschlagen. Dass Mascis wie gehabt an der Welt, vor allem aber an sich selbst leidet, ist weit mehr einer grundsätzlichen Verstimmung als einem konkreten Anlass geschuldet. Dass er aber immerhin genug Leichenbitter aus seiner Stimme gespült hat, um manchmal fast animiert zu singen, tut der Ausstrahlung der Musik gewaltig gut.

Und wenn dazu die Gitarren halsbrecherisch wie schon lange nicht mehr durch die von Murph gnadenlos nach vorne geknüppelten Songs wirbeln und Mascis und Co-Produzent Kurt Vile den Arrangements sogar die eine oder andere Lockerung wie das aufgekratzte Piano in "Take It Back" gönnen, stellt sich Freude ein - kindliche Freude ohne Genierer.