Es beginnt mit einem leicht orgienmystischen und jedenfalls kathedralischen Choral im Zeichen des Jüngsten Gerichts. Zum angestimmten "Dies irae" fällt später noch eine womöglich waschechte oder vielleicht auch nur auf dem Computer simulierte Kirchenorgel ein. Egal, passend zum Songtitel "Futurum est nostrum", der die alten Stowasser-Lateiner in uns erfreut, wird auch eine tiefer gestimmte Erzählstimme noch behaupten (oder eher verkünden): "We are the light / Out of the darkness / And if things go wrong / In rave we trust / The future is ours / Like the past is our source / Enjoy the sound / God save the rave!"

Tagada- und Autodrom-Rave

An wem genau sich die deutsche Band Scooter damit versündigt, ist nicht eindeutig zu benennen. Zur Auswahl stehen die noch in Trauer befindliche Queen, natürlich die katholische Kirche, sehr wohl aber auch die Hard- und Stadionrock-Giganten AC/DC, von denen das vorgelebte Arbeitsmotto "In rock we trust / It’s rock or bust" überliefert ist, das mit der IG Rave so gar nichts zu tun hat - obwohl es durchaus Schnittmengen gäbe.

Jedenfalls scheint es das im fernen Jahr 1993 gegründete Trio damit relativ ernst zu meinen. Davon kündet auch das Albumcover mit seiner Interpretation des "Letzten Abendmahls" mit Sänger H.P. Baxxter als Jesus und einem im Hintergrund des Festbanketts aufgebauten gigantischen Lautsprecherset. Unter dem vom Himmel abwärts strahlenden Licht am Ende des Tunnels bestätigt sich mit einem Jahr Verspätung auch die vom Albumtitel "God Save The Rave" (Sheffield Tunes) eingeforderte Wiederauferstehung nach Ostern. Die Jünger verlangten nach Party. Und der Herr sprach zu ihnen: Es werde Party!

This is hardcore - padauz, padauz, padauz: Die im deutschsprachigen Raum berühmteste aller Tagada- und Autodrom-Ravebands in der Geschichte der Tagada- und Autodrom-Ravebands ist erschienen, um dem Partyvolk Hoffnung zu spenden. Ihr mit Durchhalteparolen hinsichtlich des Ravens, der Techno-Sause und des ewigen Ballermanns zugepflastertes 20. Album kommt diesbezüglich um keinen Tag zu spät.

13 Monate nach Ausbruch der Corona-Pandemie sehnt sich nicht nur der Golf-GTI-Club Velden am Wörthersee danach, zu stumpfen Vierviertelbeats im Geschwindigkeitsbereich von 160 Beats pro Minute aufwärts wieder einmal so richtig auf den Putz zu hauen, sich also auch die Gurke und dazwischen Gummi zu geben. Die wahre Ibiza-Party ist definitiv nicht im Kopf! Sie ist im Niemandsland zwischen Pasching, St. Pölten und Vösendorf zu Hause und findet in Bierzelten ebenso statt wie in der Provinz- und der Großraumdisco, von wo aus die Lasershows die Piloten so gerne beim Landen stören. Zwischen dem berühmtesten Schlachtruf des Genres ("I want to see you sweat! Hyper! Hyper!") und seiner berüchtigtsten Frage ("How much is the fish?") muss die Stimmung durch die Decke gehen.

Dosenjubel

"God Save The Rave"-Albumcover.
"God Save The Rave"-Albumcover.

"ARE YOUE READY TO CELEBRATE THE BASSDRUM???": Ja, auch mit ihren fünfzehn neuen Songs bleiben sich Scooter weitgehend treu. Zu den besagten Vierviertelbeats und den brutalistischen Synthieriffs hört man Melodien, die an den einen oder anderen Song-Contest-Beitrag des einen oder anderen ehemaligen Ostblockstaates erinnern.

Es gibt stoffarmen weiblichen Synchrontanz und in den Sound gemischten Jubel aus der Dose, den H.P. Baxxter als begnadet fitter Rave-Leithammel mit seinen Shouts im kessen Megafonstil weiter anfeuern wird: "Yes!", "Everybody!", "Louder!", "Haaardcoooore!!" und natürlich: "I don’t give a penny / Fuck 2020!" Der dazugehörige Song fasst unsere Gefühlslage hinsichtlich des ersten Corona-Jahres und den seither regierenden Stillstand recht treffend zusammen: "Stuck on the wrong channel / Like chained to a dead camel."

Ein Zugeständnis an den Zeitgeist und den Geschmack der jungen Leute von heute taucht übrigens in Form des Gastrappers Finch Asozial auf. Und Hochkultur für alle, die bis dahin sehr tapfer waren - hallo, es handelt sich immerhin um Song Nummer 13! - gibt es bei "Devil’s Symphony", für das Scooter womöglich zufällig auf die gleiche Idee wie Pjotr Iljitsch Tschaikowski beim Komponieren von "Schwanensee" gekommen sind, sofern sie nicht frech von ihm abgeschrieben haben.

Am Ende ein gespielter Witz: Scooter erobern fremdes Terrain und humpeln unter dem "Wand’rin’ Star" durch die Prärie. Davon sollte man sich aber nicht irritieren lassen. Der Rest des Albums geht weiterhin voll auf die Zwölf und bleibt in diversen Mutationen seiner Kernformel auf jeden Fall hardcore: "La-la-la-la-la-la-la-la / I’ll party till I die!"