Man soll es nicht "Wanzenquetsche" nennen. Nein, wirklich nicht. Das hat das Bandoneon nicht verdient. Eher schon "Tango-Orgel". Schließlich ist der Bruder der Concertina so quasi das Nationalinstrument Argentiniens. Nehmt Astor Piazzolla das Bandoneon weg - was bleibt? Undenkbar. . .! Das will niemand.

Gerade diese Gaucho-Sirene stammt aus - also, da kann man streiten: Krefeld oder Chemnitz. Dass jetzt aber ja niemand auf schräge Ideen kommt von wegen aus der Pampa in die Pampa. Dass freilich der unverstellte argentinische Tango-Sound ein Deutscher ist, das muss man sich auf der Zunge, wenn nicht gar im Ohr, zergehen lassen.

Jedenfalls feiert Krefeld das Bandoneon. Das Kulturbüro der Stadt hat 1985 zum ersten Mal ein Bandoneon-Festival veranstaltet. Seit 1996 findet die Konzertreihe alle zwei Jahre statt. 2021 jährt sich der Geburtstag des Bandoneon-Erfinders zum 200. Mal. Krefeld feiert, aber wesentlich kleiner als ursprünglich geplant. Stichwort: Corona. Die transatlantische Bandoneonfreundschaft mit einem Treffen von Bandoneonisten aus Argentinien und Deutschland kann vorerst leider nicht stattfinden.

Instrument der "kleinen Leute"

Also Auslagerung ins Web - das bedeutet Abspecken der Feierlichkeiten, dafür können sich alle Bandoneon-Fans weltweit an der Schau im Haus der Seidenkultur erfreuen.

Der Ort passt. Denn der Erfinder des Bandoneons, um endlich zu ihm zu kommen, war Heinrich Band, zwar Krefelder Instrumentenhändler, am April 1821 dort geboren und am 2. Dezember 1860 dort gestorben - aber er stammte aus einer alteingesessenen Krefelder Seidenweber-Familie.

Was es mit Chemnitz auf sich hat? - Nun: Aus Chemnitz stammt das Instrument, das für das Bandoneon das Modell war, die Concertina - oder auch, Geschmackssache, Konzertina geschrieben. Ihr Erfinder war Carl Friedrich Uhlig, 1789 geboren, 1874 gestorben, beides in Chemnitz. Um 1834 begann er, 20- bis 40-tönige Instrumente herzustellen. Die Bauweise scheint simpel: Zwischen die beiden Stirnstücken mit den Griffknöpfen ist ein Balg aus Karton und Leder mit Holzverstärkungen montiert. Beim Aufziehen des Balgs entsteht in seinem Inneren Unterdruck, beim Zusammendrücken Überdruck. Beides wird genützt, um einen Luftstrom durch die Ventile zu pressen, die ihrerseits mit den Griffen geöffnet oder geschlossen werden.

Wahrscheinlich entdeckte Band das Instrument bei Uhlig und führte es in das Krefelder Stadtorchester ein. Er verbesserte es, indem er den Tonumfang erweiterte, dabei aber die Grifftechnik vereinfachte.

Genau das war der Knackpunkt: Man konnte - und kann - das Bandoneon erlernen, ohne Noten lesen zu können. Die Griffknöpfe sind nummeriert. Es bedarf lediglich einiger Übung und einer Grundmusikalität, um das Bandoneon zu spielen, aber keiner musikalischen Ausbildung.

Damit wurde das Bandoneon zum "Bergmannsklavier", zum "Klavier der kleinen Leute" und - maßgeblich - zum "Schifferklavier". Denn ein solcher, ein Seemann, dürfte es um 1870 nach Argentinien gebracht haben. Namentlich soll es der englische Seemann Thomas Moore gewesen sein. Anderen Quellen zufolge war es ein deutscher Rinderzüchter, der an den Rio de La Plata auswanderte.

Die dritte Quelle unterstellt Geschäftsinteressen - warum auch nicht? Ihr zufolge schickte der Erfinder seinen Sohn nach Argentinien, um dort Unterricht im Bandoneonspiel zu erteilen und damit das Instrument zu verbreiten.

Während das Bandoneon vor allem in der Laienmusik stets hoch im Kurs stand, war es der argentinische Komponist und Bandoneon-Virtuose Astor Piazzolla, der den weltweiten Siegeszug des Instruments verursachte. Es verleiht seinem bittersüßen Tango nuevo die spezifische Klangfarbe. "Das Bandoneon klingt nicht, es weint", sagen die Argentinier.

So wurde aus dem vermeintlichen Allerweltsinstrument ein Ausdrucksträger. Ein musikalisches Märchen wurde wahr. Man sollte, soweit es die Pandemie zulässt, nicht nur in Krefeld feiern.