Irgendwie fühlt man sich bei Will Oldhams wucherndem Output an Ernst Molden erinnert. Das passt auch insofern gut, als dieser in Gesprächen wiederholt Oldham als Referenz anführt. Dass Molden und der Nino aus Wien auf ihrer aktuellen LP-Kooperation "Zirkus" Oldhams Klassiker "I See A Darkness" adaptieren ("I siech wos Finsdas"), passt auch ins Bild. Analogien können aber auch in den vielen Verpuppungen und Kooperationen gewittert werden, in denen beide gerne auftreten (oder untertauchen), sei es aus reinem Drang nach Abwechslung, sei es, um Label und/oder Publikum nicht durch Überpräsenz im eigenen Namen zu überfordern.

Mit Unterstützung

Was für Molden seine vielen Arbeiten mit Künstlern wie Willi Resetarits, Hannes Wirth, Walther Soyka, Ursula Strauss oder eben Nino Mandl, waren für Will Oldham aus Kentucky, der seit Ewigkeiten auch als Bonnie "Prince" Billy firmiert, Hommagen an Country-Wegbereiter Merle Haggard oder die britische Post-Punk-Band Mekons, aber auch gemeinsame Projekte etwa mit der PostRock-Band Tortoise oder der Cairo Gang um den Songwriter Emmett Kelly.

"Superwolves"-Albumcover - © Domino
"Superwolves"-Albumcover - © Domino

Mit Matt Sweeney bringt Oldham unter seinem Alias Bonnie "Prince" Billy bereits die zweite gemeinsame Platte heraus. "Superwolf" hieß die erste von 2005, "Superwolves" ist die aktuelle betitelt. Sweeney, Jahrgang 1969 und damit ein Jahr älter als der "Prinz", ist der Typus der "unbekannten Legende". Er wird als hervorragender Gitarrist geschätzt, gerne von prominenten Produzenten wie Rick Rubin angeheuert, hat mit Smashing-Pumpkins-Kopf Billy Corgan eine "Supergruppe" (Zwan) formiert und u. a. mit The Mars Volta, Guided By Voices, Cat Power, Kid Rock, Neil Diamond und Iggy Pop gearbeitet, ganz an der vordersten Front der öffentlichen Wahrnehmung ist er aber nie angekommen. Die Arbeitsteilung mit Bonnie "Prince" Billy funktioniert so, dass Sweeney die Gitarren spielt und die Melodien schreibt; Wortspenden und Intonation sind Oldhams Sache. Auf "Superwolves" erhalten die beiden bei drei Songs hochkarätige Unterstützung durch den Tuareg-Gitarristen Mdou Moctar und einige seiner Begleiter.

Wie sich herumgesprochen haben sollte, verfügt Will Oldham über eine sonore, biegsame Stimme, die eine gewaltige Durchschlagskraft entfachen kann. Wie allerdings ebenfalls hinlänglich bekannt ist, knausert er bisweilen ein wenig beim Intensitätslevel. Das kann, trotz seiner fast immer beeindruckenden textlichen Bildgewalt, zu hin und wieder etwas ermüdenden Stücken führen. Der Opener, "Make Worry For Me", scheint zunächst auch genau in einem solchen eher flachen Fahrwasser zu dümpeln: Mühsam schleppt er sich als nicht inflationär inspirierter Ableger jenes agitierten Bluesrock, der über größere Strecken das erste Superwolf-Album dominiert hat, durch eine schläfrige Melodie, bis Sweeney genügend Druck macht, um auch Oldham etwas aus der Reserve zu locken.

Auf 180

Zum Glück allerdings war das nicht annähernd alles. Der stilistische Rahmen ist hier nämlich wesentlich breiter gesteckt als beim Erstling: Aufgekratzte Rocker wie "Hall Of Death" wechseln sich mit Folk-Rock und traditioneller angelegtem Folk ab, doch Sweeneys Gitarren infiltrieren die Musik auch mit einer latenten Unberechenbarkeit. Am schönsten kommt dies in "I am A Youth Inclined To Ramble": Musikalisch und sogar sprachlich ("Americay"!) angelegt wie eine jahrhundertealte irische Ballade über den Aufbruch in die "Neue Welt", erfährt der sechs Minuten lange, schlagzeuglos Song mittendrin einen fast rabiat anmutenden psychedelischen Gitarren-Schub, der wiederum Oldham auf 180 bringt und sich solchermaßen zu einer fiebrigen Serenade über Erwartungen, Träume, Ängste, Schuldgefühle, Begierden und Enttäuschungen steigert.

Ein entspanntes ländliches Lüfterl wiederum weht durch "Resist The Urge", in dem Oldham seine Lebensgefährtin tröstet, er wäre nicht wirklich tot, wenn er gestorben sei. Ein beschwingter Vibe wiederum bringt das bezaubernde "Watch What Happens" zum Tänzeln, während "Good To My Girls" mit einer gewissen gravitätischen Feierlichkeit einer Puffmutter die Lebensbeichte abnimmt.