Das am Freitag erscheinende Album "Die Gruppe" (Bureau B) markiert die Rückkehr einer der zentralen deutschsprachigen Bands der späten Nuller- und frühen 2010er-Jahre. Ja, Panik, 2005 im Burgenland gegründet, aber längst in Berlin ansässig, präsentieren sich darauf in Hochform. Das Interview mit der "Wiener Zeitung" fand als Online-Video-Gespräch statt.

Wiener Zeitung: "Die Gruppe" ist das erste Album von Ja, Panik seit sieben Jahren. Was hat zum Ende der Auszeit als Band geführt und warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für neue gemeinsame Musik?

Andreas Spechtl: Also ob es der richtige Zeitpunkt war, wird sich noch zeigen müssen. Letztlich ist uns das ganz einfach passiert. Aufgehört zu schreiben habe ich jedenfalls nie, wobei sich irgendwann die Frage gestellt hat, was ich jetzt mit den Skizzen mache. Untereinander waren wir auch in der Zwischenzeit immer in Kontakt. Bei einem gemeinsamen Termin hat sich dann herausgestellt, dass wir eigentlich alle Lust auf ein neues Album haben. Blöderweise war dann am ersten Tag der Aufnahmen Lockdown und es hat sich alles noch länger gezogen.

Das Album erscheint während der andauernden Corona-Krise . . .

Die Pandemie hat sich insofern auf das Album ausgewirkt, als die Veröffentlichung verschoben wurde und keine Tour stattfindet. Die Stücke selbst wurden aber schon davor geschrieben - und ich bin heilfroh darüber, dass wir die Kreativität nicht aus der Krise heraus schöpfen mussten. Ich kenne das derzeit von vielen Musikerinnen und Künstlern: Sie haben alle viel Zeit, für die Arbeit fehlt aber der Input von außen. Wenn es etwas Gutes an der Pandemie gibt, dann vielleicht diese geschenkte Zeit für die Umsetzung von Dingen, die bereits vorher angedacht waren. Das höre ich dem Album zuallererst an: Wie angenehm und unaufgeregt der Entstehungsprozess für uns war. Wir hatten das Gefühl, niemand wartet darauf.

Die erste Single "Apocalopyse Or Revolution" kam als Statement daher und passt jedenfalls gut in die Zeit. Inwiefern ist der Song auch als Zeitdiagnose zu verstehen?

Wir haben "Apocalypse Or Revolution" am 1. Jänner veröffentlicht und alle haben es als ein Stück gelesen, das das abgelaufene Jahr 2020 und das vor uns liegende Jahr 2021 beschreibt. Ich habe zuvor viel darüber nachgedacht, ob man gewisse Textzeilen, die auf den ersten Blick wie auf die Krise hingetextet wirken, überhaupt so vorkommen lassen soll. Dabei ist nicht nur der Song vor der Pandemie entstanden, auch die Probleme, die uns die Krise bereitet, haben sich schon davor entwickelt. Das Virus ließ sie nur alle offenkundig und auf einmal zutage treten.

Das dritte Ja,-Panik-Album hieß "The Angst And The Money" (2009), im Jahr 2011 stand "DMD KIU LIDT" für "Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit", heute heißt es im Song "The Cure": "The only cure from capitalism / Is more capitalism." Kapitalismuskritik scheint Ihnen nach wie vor ein Anliegen zu sein?

Sie ist mir vor allem als Mensch ein Anliegen, gleichzeitig will ich mich als Mensch nicht sozusagen herausschreiben aus meiner Kunst, die nicht die Absicht hat, per se politisch zu sein. Mir ist es wichtig, ein emanzipiertes, unhierarchisches und möglichst nicht unterdrückendes Leben zu führen - und das schreibt sich auch in die Lieder ein. Man positioniert sich im Leben ohnehin in jeder Sekunde. Helene Fischer ist auch politisch, nur auf der anderen Seite. Es gibt das unpolitische Leben nicht, es gibt nur das Leben, das sich nicht dafür interessiert, weil es wahrscheinlich von den herrschenden Verhältnissen profitiert.

Gleichzeitig ist auch Pop als solcher etwas zutiefst Kapitalistisches.

Bei Ja, Panik müssten wir dann aber schon den Popbegriff hinterfragen, weil man davon fulltime kaum leben kann. Ich bin es ein bisschen leid, immer nur die kleine Kritik zu üben oder zu versuchen, sich innerhalb eines Systems sichere Zonen zu bauen. Jeder Atemzug, den wir machen, ist ein kapitalistischer Atemzug. Sprich - und darum geht es auch in "The Cure" -, es besteht ein Problem, wenn alles, was Befreiung oder Heilung verspricht und versucht dich da rauszubringen und gesund zu machen, selbst dem System entspringt, das dich in diese missliche Lage gebracht hat. Pop ist nicht mehr oder weniger kapitalistisch als sagen wir Free Jazz.

Ja, Panik haben sich immer als Kollektiv gesehen und auch in verschiedenen Wohnungen zusammengelebt, der Albumtitel "Die Gruppe" untermauert dieses Selbstverständnis nun abermals. Ein bewusstes Gegenkonzept zur grassierenden sogenannten Vereinzelung der Gesellschaft?

"Die Gruppe"-Albumcover - © Bureau B
"Die Gruppe"-Albumcover - © Bureau B

Auf jeden Fall! Das ganze Projekt war und ist immer ein Versuch, wie man Leben und Arbeit in einer relativ selbstbestimmten Form zusammenbringen kann, ohne dass es in ausbeuterischen Verhältnissen endet, und wo auch der Egoismus keinen Sinn mehr macht, weil die Gruppe einen Mehrwert schafft: Was ich gut kann, wird hervorgehoben, was ich nicht so gut kann oder wo ich Hilfe brauche, das übernehmen die anderen - oder es wird zumindest überschattet (lacht).

Es ist auf dem Album viel von Einsamkeit und Angst die Rede. Beides wird gerne mit der besagten Vereinzelung und auch mit modernen Technologien in Verbindung gebracht. Stücke wie "On Livestream" könnte man gerade auch vor diesem Hintergrund gegenwarts- und technikskeptisch verstehen.

Ich glaube an Technik, aber es ist wichtig, dass man sich die Frage stellt: Woher kommt sie, wem nützt sie und warum ist sie eigentlich so veraltet? Ich glaube, dass man in einer anderen Gesellschaftsform schon längst anderswo wäre, würde die Technik nicht etwa dem Militär folgen oder auch nur so gebaut werden, dass sie nicht nach zwei Jahren schon wieder kaputtgeht. Grundsätzlich schätze ich aber ihren emanzipatorischen Wert: Sei es, was Vernetzung anbelangt, sei es, was unsere Selbstbestimmtheit als Musikerinnen betrifft. Immerhin haben wir die Platte auch allein und ohne Hilfe von außen aufgenommen.

"Die Gruppe" ist das erste Album von Ja, Panik, das Sie selbst produziert haben.

Als sehr enges Kollektiv war es für uns immer wichtig, eine Stimme von außen dabei zu haben. Nach sieben Jahren ohne Album aber war klar, dass wir diesmal gewissermaßen selbst alle von außen kommen. Es war ein sehr schönes Gefühl, sich wieder zusammenzufinden. Eine klassische Produzentenfigur hätte die gemeinsame Selbstfindung nur erschwert.

Auf "Die Gruppe" geht es stark um Wachzustände und den nächtlichen Unruhestand, außerdem gehen Geister und Gespenster um. Was ist das Reizvolle am Flüchtigen und am Dazwischen für Sie?

Mich interessieren vor allem die Momente, bevor Dinge passieren: Wo sie noch unentschieden sind und alles auch ganz anders kommen könnte, wo es noch nicht festgemacht ist, in welche Richtung es am Ende gehen wird. Das hat etwas Utopisches, der Möglichkeitsraum ist weit offen. Was damit korrespondiert und auch das Album wesentlich mitbestimmt hat, ist der Versuch, in der Rückschau etwas über das Hier und Jetzt zu erfahren. Es geht darum, nicht aus reiner Nostalgie in der Zeit zurückzugehen, sondern um zu erfahren, wie man eigentlich hierhergekommen ist.