Der jambische Tetrameter feiert im Herzen des Pop, vorsichtig ausgedrückt, normalerweise keine fröhlichen Urständ. Und auch die lyrischen Werke von Lord Byron, John Keats, Percy Bysshe Shelley oder William Wordsworth mögen als Inspiration und Arbeitsgrundlage vielleicht alle zehn Jahre da oder dort auftauchen, auf der Tagesordnung aber stehen sie nicht.

Aktuell braucht es Marianne Faithfull dafür, wieder an die britischen Lyriker der Romantik zu erinnern. Trotz einer lebenslangen Begeisterung für deren Werke und Spurenelementen daraus in ihrem eigenen Schaffen war letztlich auch Corona nicht ganz unbeteiligt daran. Stimmliche Probleme nach einer lebensbedrohlichen Virus-Erkrankung im Vorjahr machten und machen der mittlerweile 74-Jährigen das Singen schwer bis unmöglich. Dafür klappte das Rezitieren aus alten Gedichtbänden umso besser. Längst schon kann die Grande Dame der Musenszene aus dem einstigen Swinging London auf eine vom Leben gezeichnete Stimme verweisen, die ihrem Märchentantentimbre das gewisse Etwas verleiht. Sagen wir Patina dazu. Hörbar kommt die Vorleserin aus einer anderen Welt, in der man selbst noch nicht einmal angedacht war.

Kollaborationen

Anfänge in der Folkszene der 1960er-Jahre, ein früher Hit mit "As Tears Go By", eine Affäre mit dessen Co-Autor Mick Jagger, ein baldiger Totalabsturz inklusive Drogensucht und Obdachlosigkeit sowie eine erste Wiederkehr bereits unter New-Wave-Vorzeichen 1979 mit dem Karrieremeilenstein "Broken English" sind zu nennen - gefolgt von künstlerischen Bocksprüngen zwischen Kollaborationen mit Angelo Badalamenti, Brecht-Weill-Interpretationen und Rotweinjazz sowie diversen Comebacks wie etwa im Jahr 2002, bereits als wilde Alte mit der von Beck produzierten Single "Sex With Strangers". Überhaupt standen im Spätwerk diverse Joint Ventures mit einer dienstjüngeren Generation von Pop- und Rockfachkräften wie Damon Albarn, PJ Harvey oder Anna Calvi auf dem Programm. Zuletzt legte das im Jahr 2018 bereits etwas endzeitlich gestimmte Album "Negative Capability" zwei Brücken ins Heute.

Albumcover "She Walks In Beauty".
Albumcover "She Walks In Beauty".

Einerseits waren darauf Nick Cave und Warren Ellis zu hören, die nun auch auf "She Walks In Beauty" (BMG/Ada/Warner) wieder beteiligt sind - Ersterer mit dezentem Klaviergeplänkel, Zweiterer als, neben Produzent Head, muskalischer Hauptprojektleiter. Andererseits ging bereits der Albumtitel auf John Keats zurück, der damit 1817 die Fähigkeit artikulierte, als Künstler unbeirrt Visionen zu verfolgen, auch wenn diese in den Abgrund führen sollten.

Zum Thema (Schaffens-)Drang, Qual und Literatur könnte man an dieser Stelle auch noch erwähnen, dass es sich bei Marianne Faithfull um eine Urgroßnichte des österreichischen Schriftstellers Leopold Ritter von Sacher-Masoch ("Venus im Pelz") handelt: "Du willst nur mein sein unter Bedingungen, während ich dir bedingungslos gehöre" - was uns wiederum zu den literarischen Ursprüngen der männerverschlingenden Femme fatale in der Romantik führt. Immerhin taucht eine solche 1819 auch bei John Keats als sinnliche Fee auf, die einen Ritter zunächst mit ihren Gesängen verführt, um ihn dann seinem Schicksal zu überlassen. Selbstverständlich ist "La Belle Dame Sans Merci", umrahmt von metallenen Sounds und mythischen Klangnebeln, auch auf "She Walks In Beauty" vertreten.

Klanglandschaften

Sowohl Warren Ellis als auch Head sowie dem diesbezüglich ohnehin jederzeit tatverdächtigen Brian Eno als Stargast wurde, so die gestrenge Frau Faithfull in einem aktuellen Interview mit Deutschlandfunk Kultur, übrigens ein Synthesizerverbot auferlegt - das aber insofern wirkungslos war, als Ellis gleich mit dem Titelstück zum Auftakt genau den gleichen Soundkitsch verbreitet wie seit einigen Jahren auch für Nick Cave.

Auf jeden Fall entfalten die zart herbstlich oder frisch wie der Morgentau gestimmten Klanglandschaften nicht nur beim elfminütigen "Lady Of The Shallot" meditative Qualitäten. Zum Entspannungsyoga nach getanem Tagewerk oder einem Vollbad mit Kräuteressenzen eignen sie sich auf dem Papier aber trotzdem nicht. Vorsicht, Text-Ton-Schere: In Thomas Hoods "The Bridge Of Sighs" etwa stürzt sich zu kontemplativen Streicherarrangements gerade eine junge Frau über die Walterloo Bridge in die Themse.

Marianne Faithfull ist dafür natürlich kein Vorwurf zu machen. Irgendwie hat man sich die Romantik aber immer ein wenig romantischer vorgestellt.