Anna Mabo muss nicht jeder mögen. Unbestreitbar kann die Frau singen und erzählen, aber ihre Intensität mag mancher, sagen wir, herausfordernd finden. Das freut wiederum - als Distinktionsmerkmal - unsereinen.

"Notre Dame", Mabos zweite LP, hat so wie ihr Debüt "Die Oma hat die Susi so geliebt" von 2019 ein prägnantes, von Thomas Schrenk gemaltes Cover und Ernst Molden als prominenten Gast-Gitarristen, unterscheidet sich aber musikalisch und inhaltlich erheblich von diesem: Viel aufgekratzter, stellenweise fast frenetisch ist Mabos Vortrag, vielseitiger und offensiver die Musik. Und die Texte muten wesentlich zuversichtlicher an, was aufs Erste erstaunt, ist doch die Platte während der Seuche entstanden.

Aber Mabo hatte, als eine von nicht allzu vielen, ein gutes Jahr 2020. Immerhin fand sie im Sommer noch etliche Auftrittsmöglichkeiten und nahm - "zwecks künstlerischen Channelings der pandemiebedingten Isolation", wie Molden auf der Website seines und Charlie Baders Labels Bader Molden Recordings, das Mabos Platten herausbringt, schreibt - an einer Kunst-/Performance-Aktion in der Waldviertler Stadt Litschau teil, in deren Rahmen sich Künstlerinnen und Künstler in Glascontainer zurückzogen. Dort schrieb sie den Großteil der Songs. Bei der Realisierung unterstützten neben Molden dessen Sohn Karl am Bass, der Cellist Clemens Sainitzer und am Schlagzeug Thomas Pronai, in dessen Studio in der Cselley Mühle in Oslip die Aufnahmen gefertigt wurden.

Sprunghaftigkeit

Der Auftakt trägt den Titel "Die Leichtigkeit" und ist in Wirklichkeit, jedenfalls im finalen Bereich, ein schweres Geschütz aus stimmlicher Explosion und Gitarrendonner. Richtung Bluesrock tendiert das raue "Glashaus". Aus dem swingenden "Das Gestern von Morgen" wiederum ist nicht nur die stimmliche Wendigkeit der Sängerin, sondern auch die Empfänglichkeit der Moldens für Jazz-Feeling herauszuhören. Einen Schlenker Richtung Kammermusik unternimmt "Der Bär", während in Stücken wie "Der Witz" die Lieder eines Kurt Weill und eine Nähe zum Chanson anklingen.

Solche Sprunghaftigkeit setzt sich in den Inhalten fort. Dabei erzählt Mabo eigentlich schlüssige Geschichten, meist über zwischenmenschliche Beziehungen zwischen Liebe, Freundschaft und oberflächlicher Bekanntschaft. Die Sprachbilder aber, die sie dafür findet - ein Geburtstag als Code für ein Fahrradschloss, die Straße, die vor einem liegt "wie ein toter grauer Bär" -, schüren eine gewisse Unruhe, der ein berückend agitierendes Moment innewohnt: Da ist, scheint sie zu sagen, keine Zeit zum Jammern, es gibt ja so viel zu tun und zu entdecken. Man muss Anna Mabo einfach mögen, haben wir das schon gesagt?

Katzenjammer

Tanzaffin: Siamese Elephants. - © Jonathan Panhofer
Tanzaffin: Siamese Elephants. - © Jonathan Panhofer

Ein ziemlich großes Ding hat sich das Wiener Quartett Siamese Elephants vorgenommen. Nicht weniger nämlich als eine Befindlichkeitsstudie der Jugend auf eine LP zu pressen: ihre Prägung durch soziale Medien, den damit einhergehenden Zwang zur Selbstinszenierung, den ihr auferlegten sozialen Anpassungsdruck. "What Happened At The Social Club?" (Seayou Records) heißt das Werk und dreht sich um einen Abend im titelgebenden Social Club, der im "Heartbreak Hotel" endet. Das Ganze ist bei weitem nicht so prätentiös erzählt, wie man befürchten könnte, sondern geht eigentlich recht locker von der Hand und ist über einen lässigen, tanzaffinen Rock-Groove souverän in Szene gesetzt. In den herrlich melancholischen Balladen "Nightbus" und "Kids On TV" sammelt sich dann der Katzenjammer nach der Sause.

Ideenreich: Don’t Go. - © Hanna Fasching
Ideenreich: Don’t Go. - © Hanna Fasching

Don’t Go sind das kroatisch-steirische, heute in Wien lebende Ehepaar Nina Jukić und Alexander Forstner, das ungefähr alle zwei Ecken mit unerwarteten Wendungen aufzuwarten weiß. Ihr von Sophie Lindinger (My Ugly Clementine, Leyya) produziertes Debüt "Jasmine" (ebenfalls Seayou Records) spielt daher ziemlich alle Stückerln an Ideen- und Detailreichtum: eine artistische Jazz-Einlage hier, Elektropop da, scheppernde Perkussion dort und darüber Jukićs melancholischer Gesang, der an eine Tracey Thorn mit leichtem Akzent denken lässt. Ein Titel auf Kroatisch, "Poput Svile", zählt übrigens, zart von einem Piano begleitet, zu den besonders eindrucksvollen Songs des Albums.