Attwenger gelten als die Institution der heimischen Dialektmusik. Auf "Drum" (Trikont / Lotus Records) überzeugen Markus Binder und HP Falkner abermals mit ihrer Zauberformel aus radikalem Regiolekt und globalem Groove. Zum Online-Video-Interview erschien Markus Binder diesmal allein auf dem Bildschirm.

"Wiener Zeitung": Der Titel des neuen Albums steht in einer alten Attwenger-Tradition und ist wieder auf verschiedene Weisen lesbar, zum Beispiel auf Englisch und (Ober-)Österreichisch. Was assoziieren Attwenger mit "Drum"?

Markus Binder: Ja, das ist natürlich die Frage, was so ein Drum überhaupt ist. Es ist jedenfalls ein sehr unspezifisches Wort, das im Englischen konkret für das Schlagzeug steht und auf dem Album weiter zum Dram, sprich zum Traum mutiert - für Attwenger also ein idealer Begriff. Hochdeutsch bleibt bei uns ja traditionell außen vor. Interessant: Dort sind Trümmer zwar im Plural präsent, der Singular scheint aber dem österreichischen Dialekt vorbehalten.

Das bisher letzte Attwenger-Album "Spot" ist 2015 erschienen, Ihr Geschäftsmodell bestand im Wesentlichen schon immer aus sehr vielen Konzerten. Wie haben Attwenger die Pandemie bisher überstanden und was erwarten Sie sich für die Zeit nach dem 19. Mai?

Wir hatten im letzten Sommer eine Situation, die der derzeitigen ähnelte: Da hieß es, so ab Juni geht es wieder los, was dann aber nicht wirklich der Fall war, weil es von den Bedingungen anfangs noch keinen Sinn gemacht hätte. Im August und September gab es dann zehn Auftritte, die nicht wirklich frivol waren. Wie man sich vorstellen kann, ist es für eine Band wie Attwenger vergleichsweise mühsam, wenn das Publikum zivilisiert mit Abstand auf dem Platz sitzen bleiben muss. Heute proben wir into the nothing: Einerseits war das Ausprobieren auf der Bühne für uns immer die Referenz, ob etwas fährt oder nicht - und ein zentraler Rückkanal für das Studio. Andererseits sind die Veranstalter derzeit noch zögerlich. Unsere Release-Gigs sind jetzt aber einmal mit Bleistift für September und Oktober eingetragen.

Haben Sie in der Krise auf Corona-Hilfen zurückgegriffen?

Ja, denn ohne diese wäre es mit dem Durchkommen wirklich sehr schwierig gewesen. Die mit der Kulturministerin akkordierte Lockdown-Kompensation der SVS, bei der wir versichert sind, hat, man muss es sagen, wirklich sehr gut und unbürokratisch funktioniert.

Attwenger ist die oberösterreichische Haltung des Nur-net-Hudelns nicht fremd. Man hat es nicht so gerne trawig. Ein Stück wie "A weng weniger" ist vermutlich noch vor dem völligen Stillstand des (Kultur-)Lebens durch Corona entstanden. Wie sehr hat die Pandemie hier möglicherweise den Blickwickel verändert?

Im Grunde ist das für mich einer der interessantesten Aspekte an der ganzen Pandemie-Debatte: Angesichts des Klimawandelproblems wäre es sowieso nötig, Tempo rauszunehmen, die Emissionen zu reduzieren und die Konkurrenzgesellschaft auszubremsen. Um genau dieses "Ich muss noch schneller sein und noch mehr haben", darum geht es in diesem Song - und darum, dass das Prinzip Leistung jetzt wieder sehr en vogue ist.

Das hört man auch in Stücken wie "Kredit" oder "Schuidn", bei denen auch die Eigenverantwortung thematisiert wird. Wollen die Menschen zu viel?

Ja, aber angereizt durch das Konkurrenzdenken. Ich habe das auch bei meinen Kindern gesehen: Das fängt schon im Kindergarten an und wird in der Schule nicht besser; es fängt bei der Pädagogik an und geht hinein in die Werbung, Wirtschaft, auch die Kunst - und in den Sport sowieso. Viele Menschen brauchen diese mentale Grundsituation des immer Anzahns und Leistungbringens anscheinend, ich glaube nur, sie haben damit schon die ganz Welt kaputt gemacht.

Die gegenwärtige Krise wird mitunter auch als Chance verstanden, nicht zuletzt von Klimaaktivistinnen. Die Musikbranche hat bekanntlich einen großen ökologischen Fußabdruck, auch Attwenger waren immer sehr reisefreudig. Auf dem Album heißt es: "Hauffnweise Emotionen / Tonnenweise Emissionen / Business Class, Economy / Fliagd der Kas jetzt ohne mi." Sägen Sie damit nicht am eigenen Ast?

Wir sägen als Attwenger schon immer an unserem Ast, weil wir nie das tun, was man tun müsste, um im Popgeschäft wirklich erfolgreich zu sein. Was das Reisen betrifft, ist, so gerne wir auch unterwegs sind, "flygskam", wie die Schweden sagen, also Flugscham, angesichts unserer Klimasituation absolut angebracht. Ja, dann fliegen wir halt nicht ständig nach Mexiko und Simbabwe!

Vor bald 20 Jahren haben Attwenger mit "Kaklakariada" ihre Protestnote gegen Schwarz-Blau eins veröffentlicht. Heute heißt es in einem Song namens "Leider": "Proletn und Proletinnen jeglichn Geschlechts / Fria hobz die Linkn gwöd / Und jetzt do wöz ihr rechts."

Albumcover "Drum"
Albumcover "Drum"

Hinter "Leider" stecken viele Fragen: Was ist mit der politischen Situation los? Wieso ist die Linke so schwach? Warum hat die Sozialdemokratie in den letzten 20, 30 Jahren so abgebaut? Wie kam es zum Phänomen Trump? Irgendwann wurde irgendwo eine falsche Abbiegung genommen - und die Mehrheit ging mit. Jetzt könnte man sagen, falsch abgebogen wurde schon in den Zeiten von Reagan und Thatcher, des massiven Abbaus der sozialen Idee, speziell in England mit dem Verkauf zigtausender Sozialwohnungen an den freien Markt. Die Tendenz, soziale Standards zu senken, ist gleichzeitig die Befeuerung der Ellenbogengesellschaft. Und in diese Richtung fährt der Zug schon lange, wobei ausgerechnet die USA heute wieder zeigen, dass die Linke durchaus noch Aufschwung nehmen kann. Immerhin legen Joe Biden und Kamala Harris mit einem Programm los, das man in Europa als das einer sehr linken Sozialdemokratie empfinden würde.

"Fria internationale Solidarität / und jetzt wird nur mehr gredt bled / vo da Identität." Sie adressieren damit auch die Identitätspolitik?

Allein das Wort "Identitätspolitik" ist für mich ein Begriffsunfall. Weg damit! Auch weil er der Linken vom rechten Mainstream umgehängt wurde, sollte sie sich dringend davon distanzieren. Weil was fällt mir zu "Identität" ein? Patriotismus. Es ist ein Eigentor, wenn sich queere Communities und Antifa-Communities und wer weiß ich damit einhegen lassen und sich daraus eine Marginalisierung ergibt, bei der es heißt: Ihr mit euren Problemchen immer, gebt’s halt a Ruh’! Da wäre klassisches Vokabular das richtigere Wording: Wir haben Forderungen zu erheben, wir haben Interessen zu vertreten.

Musikalisch kommt das Album wieder als bunter Strauß daher. Neu sind diesmal Trap-Elemente.

Ich habe Trap 2015 in New York kennengelernt, als eine junge Musikerin namens Leikeli47 im Vorprogramm bei einem Konzert den Hauptact weggeblasen hat. Und ich denk mir: Fuck! Spannend finde ich an dieser Art Musik vor allem die Emanzipierung der Hi-Hat. Ähnliches hat der Hip-Hop zuvor für die Kickdrum geleistet, die im Rock zwar immer die größte Trommel war, aber auf Kosten der Snare in erster Linie als diffuses Wummern vorkam.

"Olles wird guad aum End": Nachdem auf dem Album einiges an Ärger verarbeitet wurde, kommt der Hidden Track zum Abschluss demonstrativ zuversichtlich daher. Ein Happy End mit Ansage?

Ja, schon, wenn auch in seiner Aussage ambivalent. Ich singe darauf mit meiner mittlerweile verstorbenen Ex-Frau, die mit mir eigentlich noch eine verbesserte Version aufnehmen wollte, zu der es dann nicht mehr gekommen ist. Aber sie hatte immer diesen Optimismus, und der ist jetzt ihr Vermächtnis.