AC/DC, Jazz-Musik und Steirische Harmonika passen nicht zusammen. Eigentlich. Bis Herbert Pixner kam. Der gebürtige Südtiroler aus dem malerischen Passeiertal, aus dem Freiheitskämpfer Andreas Hofer stammt, verarbeitet Erlebtes in seinen Songs. Mit seinen Gratwanderungen zwischen Tradition und Moderne und seinem unverwechselbaren Musikstil begeistert und elektrisiert der Sohn einer Bergbauernfamilie. Seither gab es acht Alben, die meisten davon mit Gold- und Platinstatus Und jetzt heißt es: Alpine Volksmusik trifft klassische Symphonik. Der Multiinstrumentalist, Komponist und Produzent steht gemeinsam mit seiner Schwester, der Harfenistin Heidi Pixner, dem Kontrabassisten Werner Unterlercher aus Osttirol und dem Bozner Gitarristen Manuel Randi, auf der Bühne, zuletzt auch auf der der Festwochen-Eröffnung (noch bis 21. Mai im Stream auf der ORF-Tvthek: https://tvthek.orf.at).

Herbert Pixner hebt Volksmusik auf ein neues Niveau. - © Günther Egger
Herbert Pixner hebt Volksmusik auf ein neues Niveau. - © Günther Egger

Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem 45-jährigen Bandleader über die Entstehung seines Albums, skurrile Momente in den USA, seine Zeit als Senner, neue Projekte und seine musikalischen Träume.

"Wiener Zeitung": Mit den Berliner Symphonikern haben Sie eine neue Facette, neben Volksmusik, Flamenco, Blues und Jazz. Wie kam es dazu, alpine Klänge ins Symphonische zu weiten?

Herbert Pixner hebt das Akkordeon auf eine neue Stufe der Volksmusik. - © Sepp Pixner
Herbert Pixner hebt das Akkordeon auf eine neue Stufe der Volksmusik. - © Sepp Pixner

Herbert Pixner: Dieses besondere Projekt ist über Umwege entstanden. Vor einigen Jahren bereits hatten die Münchner Symphoniker bei uns angefragt, ob wir Lust hätten, zusammen ein Programm zu gestalten. Doch es fand sich kein Zeitfenster, das zu realisieren. Daraufhin haben uns die Münchner die Berliner Symphoniker empfohlen. Und das hat dann wunderbar geklappt. Die Tour war sehr intensiv. Wir hatten über zwanzig Konzerte innerhalb von dreißig Tagen. Der einzige Wermutstropfen war, dass der Konzertveranstalter in Konkurs geschlittert ist und wir auf dem Großteil unserer Ausgaben sitzen geblieben sind. Aber es überwiegt trotzdem die Freude. Es sind auch schöne Freundschaften daraus entstanden.

Was war die größte Herausforderung dabei?

Mit einem 40-köpfigen Orchester zu spielen, ist absolut spannend. Ich habe mir da schon einen Lebenstraum erfüllt. Die spezielle Aufgabe dabei ist, einen gemeinsamen Klangkörper zu bilden. Damit das Orchester nicht nur eine Kulisse bildet. Mir war ganz wichtig, dass das Ganze verschmilzt. Sodass wir als Band mit dem Orchester eine Einheit darstellen.

Streckenweise erinnern Ihre gewebten epischen Kompositionen an die Filmmusik von Oscar-Preisträger Hans Zimmer oder an die Filmmusiklegende Ennio Morricone. Woher kommt das?

Ich finde, unsere Musik ist generell sehr filmisch. Schon allein deshalb, weil wir keine Texte haben. Mir geht es darum, dass bei den Leuten ein Kopfkino entsteht. Es steckt der Anspruch dahinter, dass Musik für sich selbst sprechen kann. Außerdem kann ich mich emotional damit einfach am besten ausdrücken. Beim Schreiben der Stücke habe ich immer ein Bild vor Augen. Eine Begegnung mit einem Menschen, die Geburt der Kinder, eine Erinnerung. Ich versuche, diese Bilder zu vertonen.

Ihre erste Zusammenarbeit mit den "Wiener Tonkünstlern" verhinderte der jetzige Lockdown.

Nicht ganz, zum einen holen wir das Konzert nach. Und außerdem haben wir im Festspielhaus St. Pölten vor leeren Rängen zusammen gespielt und das ganze Programm aufgezeichnet. Selbstverständlich unter strengsten Corona-Auflagen. Diesen Konzertfilm gibt’s voraussichtlich Ende Mai als Stream über Three Saints Records und als CD und DVD im Herbst.

Sie sind auf einem Bergbauernhof aufgewachsen.

Ja, vielleicht ist das ein Grund, warum ich mich hier in dem kleinen Bergdorf mit 600 Einwohnern, nahe bei Hallein, schon sehr wohlfühle. Außerdem möchte ich mir in diesen Zeiten gar nicht vorstellen, in der Stadt irgendwo in einer Wohnung im dritten Stock ohne Garten mit den Kindern leben zu müssen. Ich bewundere alle Familien, die das durchstehen. In der Stadt haben die Kinder nicht den Freiraum wie auf dem Land.

Stimmt es, dass Ihr Vater damals zwei Kühe verkaufte, um Ihnen Ihre erste Ziachorgel zu finanzieren?

Ja, das Instrument spiele ich heute noch. Es war der Mercedes unter den Ziehharmonikas, das Teuerste überhaupt, eine Jamnik aus der Südsteiermark. Die werden nur auf Bestellung gemacht. Man konnte sich die Hölzer raussuchen. Und der Vater hat mir das bezahlt. Er selbst spielt Knopfakkordeon. Wahrscheinlich war der Hintergedanke dabei, wenn der Bub jetzt eine Steirische spielt, kommt er auf die "gerade Bahn". Ich war damals als Teenager schon a bissl wild drauf, mit frisierten Motorrädern, Heavy Metal, lange Haare und rebellisch. Und auch das mit der Ziehharmonika war teilweise eine gezielte Provokation. Denn die in meiner Punkclique haben nur gemeint: Spinnst jetzt direkt, mit deinem "Bauern-Tschäss". So hab ich später eine meiner ersten CDs genannt. Denn mir imponierten die alten alpinen Volksmusiklegenden mit ihrem intensiven Spiel. Die alten Landler, das war für mich ähnlich wie ein Südstaaten-Blues. Beides kann erdig sein.

Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie sich für einige Monate als Musiker in Colorado verdingt. Was hat Sie dahin verschlagen?

Ich war in meinem letzten Studienjahr in Klagenfurt. Ich musste mir das Studium alles selber finanzieren und hab dringend Geld gebraucht. Ich war völlig abgebrannt und musste aber den Motorschaden an meinem alten Volvo reparieren. Da habe ich durch Zufall eine Annonce in der Zeitung gelesen, dass ein Harmonikaspieler für Vail Colorado gesucht wird. Ausgeschrieben war das von der Bierbrauerei Kaltenberg. Die hatten den Konzertsaal von Schloss Neuschwanstein in die alte Talstation in Vail hinein gebaut. Und dort wollten sie Musik haben. Dieses Casting habe ich gewonnen. Obwohl ich nie davon ausgegangen bin, dass mich die nehmen. Ich hab gedacht, die brauchen da irgendeinen Seppl, der da drüben Schuhplatterlmusi macht. Ich hab gleich gesagt, so was tu ich nicht. Doch der Geschäftsführer hat mir freie Hand gelassen und gemeint: Du bist Profi, mach, was du magst. Für mich war das wie bezahltes Üben. Am Abend gab’s Bluegrass Sessions und ich bin jammen gegangen.

Vail ist ein riesiges Skigebiet.

Ja, ich hatte einen Skipass. Das hat mir natürlich gefallen. Ich muss gestehen, als Kind wollte ich Skisportler werden, so wie der Franz Klammer. Und ich glaube, ich hatte sogar Talent. Als ich in Colorado war, ist gerade das Carving aufgekommen. Und da waren einige österreichische Skilehrer dort. Das war schon cool, drei Monate jeden Tag Skifahren.

Sie waren jahrelang als Senner auf der Alm. Wie sehr hat das Ihre Kreativität geprägt?

Das Instrument war immer dabei. Diese Zeit ist sicher ein wichtiger Teil meiner Geschichte. Sie inspirierte mich und ist sehr eng verbunden mit meinen Kompositionen, wie etwa "Morgenrot". Am Anfang, als ich jung war, brauchte ich auch das Geld. Später war es für mich selber eine Art Auszeit. Weg sein von der umtriebigen Welt. Gleichzeitig bist du dort den Naturgewalten total ausgesetzt. Auf 2.000 Meter Meereshöhe kann es jeden Tag einen halben Meter schneien. Da kommst du schon an deine Grenzen. Und es ist nicht nur wildromantisch, sondern tierische Arbeit, 200 Stück Jungvieh zu hüten. Die ganze Herde kann dir über Nacht abhauen. Sie dann auf der Nachbaralm von den anderen Tieren wieder zu trennen, das kann dich schon zum Verzweifeln bringen.

Was würden Sie musikalisch noch gerne erreichen?

Es gibt noch viele Ideen. Wir sind dabei, ein Projekt mit dem Trompeter Thomas Gansch und dem radio.string.quartett.vienna, einem der innovativsten Streichquartette, zu realisieren. Der Grammy-nominierte Hang-Spieler und Perkussionist Manu Delago ist mit dabei. Er hat für dieses stählerne Halbschaleninstrument, einer Weiterentwicklung der Steelpans, neue Stücke komponiert. Mein Traum wäre aber eine richtige Welttournee rund um den Globus, bei der ich wirklich in die jeweils örtliche Musikszene eintauchen kann. Im Moment ist das natürlich in weiter Ferne.