Der schnellste Weg in die Unsterblichkeit ist ein früher Abgang. Gerade im rasanten und auf Moden bedachten Unterhaltungsgewerbe gilt es als grundsätzlich kontraproduktiv, wenn man jahrzehntelang Zeit hat, um den eigenen Ruf mit seltsamen Auftritten, reiner Anwesenheit oder neuer Musik zu ramponieren. Stichwort Opa erzählt schon wieder vom Krieg - und der alte Mann auf der Bühne singt ein Best-of seiner den jungen Leuten von heute völlig unbekannten Schellackplatten von damals.

Als Antithese wurde im Rock ’n’ Roll der Club 27 erfunden. Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse teilen sich darin zwar ein tragisches Schicksal. Frei nach Bob Dylans Song von 1974 für seinen Sohn Jesse sind sie im kollektiven Gedächtnis der Nachwelt aber als "Forever Young" abgespeichert.

Mit Steckdose

Als Bob Dylan am Freitag, 29. Juli 1966 mit seiner Triumph Tiger 100 in der Gegend um Woodstock über die Straße fliegt und sich dabei angeblich mehr als einen Halswirbel bricht, ist seine Zeit hingegen noch nicht gekommen. A Hard Rain’s A-Gonna Fall: Der Club 27 formiert sich erst drei Jahre später mit dem Tod des Rolling-Stones-Gitarristen Brian Jones.

Außerdem wäre Bob Dylan seiner Zeit ohnehin um zwei Jahre voraus. "Man braucht nicht dabei zu sein, wenn man unsterblich wird": Dieses Zitat von Gustav Mahler gilt für den am 24. Mai 1941 als Robert Allen Zimmerman in Duluth, Minnesota geborenen Sänger und Songwriter definitiv nicht. Sein Weg zur lebenden Legende wird außer über diverse Meisterwerke sehr bald auch über den einen oder anderen seltsamen Auftritt führen und mitunter eher trotz als aufgrund neuer Musik erfolgen. Bereits am Anfang der für Bob Dylan künstlerisch noch durchwachsenen 70er Jahre (mit dem Trennungsalbum "Blood On The Tracks" als Höhe- und der Outtake-Sammlung "Dylan" als Tiefpunkt), auf die ein kreativ wesentlich verheerenderes Jahrzehnt folgen wird, heißt es in einer Besprechung des Albums "Self Portrait" durch den US-Kritiker Greil Marcus: "What is this shit?"

Bob Dylan an einem lichtempfindlichen Tag. - © Sony Music / Don Hunstein
Bob Dylan an einem lichtempfindlichen Tag. - © Sony Music / Don Hunstein

Der über das einschlägige Dylanologen-Milieu hinaus diskutierte Motorradunfall jedenfalls - bis heute ist weder ein Rettungseinsatz noch eine Spitalseinlieferung dokumentiert -, er bedeutet lange vor Bob Dylans christlicher "Born again"-Phase mit den Alben "Slow Train Coming" (1979), "Saved" (1980) und "Shot Of Love" (1981) eine künstlerisch-biografische Wiedergeburt unter ikonografischen Vorzeichen. Dieser war bekanntlich eine Zeit als aufstrebender Protestsänger und "Stimme einer Generation" wider Willen ebenso vorausgegangen wie ein erster Abnabelungsversuch mithilfe der Steckdose. Auch der Strom ist eine Erfindung von oben.

Die Hinwendung zum elektrisch verstärkten Rock ’n’ Roll ("Play it fucking loud!") unter Einbindung surrealistischer Texte in Stream-of-consciousness-Technik sowie unter Zuhilfenahme einer verdunkelten Sonnenbrille und sehr vieler Amphetamine markiert den Beginn einer Überlebensstrategie, die im Wesentlichen darauf beruht, sich mit diversen Bocksprüngen immer neu zu erfinden, dabei aber trotzdem Bob Dylan zu bleiben - Stress mit auf dunkle Sonnenbrillen allergisch reagierenden Gralshütern der Tradition, der sich Bob Dylan verbunden fühlt, inklusive.

"Nashville Skyline": Dem Meister steht der Sinn nach Country. - © Elliot Landy
"Nashville Skyline": Dem Meister steht der Sinn nach Country. - © Elliot Landy

Als Bob Dylan im Jänner 1968 zurückkehrt, um sich dem Zeitgeist und im Jahr darauf auch dem "Woodstock"-Festival mit Erfolg zu entschlagen - damals steht ihm der Sinn gerade nach Country -, ist sein großes Idol Woody Guthrie seit drei Monaten tot. Diesem war er im Jahr 1961 und nur fünf Tage nach seiner Ankunft in New York als naseweiser Studienabbrecher aus dem ländlichen Hibbing begegnet. Bob Dylan spielte seinem gesundheitlich bereits gezeichneten Vorbild im Krankenhaus dessen eigene Songs vor und transzendierte die graue, nur auszugsweise auf Tonaufnahmen erhaltene Vorzeit des amerikanischen Folksongs im Anschluss in Richtung Moderne.

Als direkte Folge des Treffens entsteht nicht nur sein "Song To Woody" und das hoffnungsvoll gehaltene Langgedicht "Last Thoughts On Woody Guthrie", sondern auch die lebenslange Betriebseinstellung, aus dem innersten Inneren der US-Folklore und ihrer Mythologie zu schöpfen. Davon konnte man sich nicht zuletzt live überzeugen, bis Bob Dylans 1988 gestartete "Never Ending Tour" im Vorjahr von der Corona-Pandemie (vorübergehend) eines Besseren belehrt, sprich nominell zur Contradictio in adiecto degradiert wurde.

Heaven’s Door

Was ist Endlichkeit? Wie begegnet man ihr? Bob Dylans Annäherung fällt in seinem Frühwerk dokumentarisch und gerne auch anwaltschaftlich aus. Seine "Ballad Of Hollis Brown" erzählt 1964 von einem Farmer aus South Dakota, der seine Familie und anschließend sich selbst tötet, vor allem aber auch von der gefährlichen Spirale aus Armut und Verzweiflung: "There’s seven people dead / On a South Dakota farm / Somewhere in the distance / There’s seven new people born."

Gleichfalls 1964 wird in "The Lonesome Death Of Hattie Carroll" die Ermordung einer schwarzen Kellnerin durch den weißen Farmer William Zantzinger geschildert, der dafür nur sechs Monate Haft erhält und noch im Jahr 2001 über Bob Dylan behauptet: "He’s a no-account son of a bitch; he’s just like a scum of a scum bag of the earth. I should have sued him and put him in jail."

Dylans Erfahrungen aus Zeiten der ethnischen Segregation in den USA und sein Engagement für die Bürgerrechtsbewegung an der Seite von Joan Baez fallen lebensprägend aus. Sein Song "George Jackson" über den Tod des gleichnamigen Black-Panther-Aktivisten bei einem versuchten Gefängnisausbruch wird 1971 als seine Rückkehr zum Protestsong verstanden. The Times They Are a-Changin’ - oder auch nicht: Anlässlich des Todes von George Floyd ist es im Jahr 2020 schließlich auch der Dauerbrenner rassistisch motivierte Polizeigewalt, der Bob Dylan sich in einem seiner raren Interviews wieder zu Wort melden lässt: "It sickened me no end to see George tortured to death like that. Let’s hope that justice comes swift for the Floyd family and for the nation."

Wenn Bob Dylan über das Sterben singt, singt er meistens über das Leben. - © Sony Music
Wenn Bob Dylan über das Sterben singt, singt er meistens über das Leben. - © Sony Music

Interessant: Wenn Bob Dylan über das Sterben singt, singt er meistens über das Leben. Es sei denn, wir schreiben das Jahr 1973 und es handelt sich um die akustische Auftragsuntermalung einer Todesszene wie im Falle von  "Knockin’ On Heaven’s Door" für den Western "Pat Garrett And Billy The Kid". Dem für Dylan ungewohnt knappen, nur aus zwei Strophen (und einem äußerst eingängigen Refrain) bestehenden Song selbst ist dafür ein reiches Nachleben beschieden. Guns N’ Roses etwa gelingt mit ihrer Version ein erheblicher Welterfolg, als Bob Dylan zu Beginn der 90er Jahre künstlerisch auf dem Boden liegt. 1988 und somit nach Ende der christlichen Phase wird auf dem größten anzunehmenden Unfall in Albumform ("Down In The Groove"!) das Konzept des (physischen) Todes gleich überhaupt zu Grabe getragen: "When you’re sad and when you’re lonely, and you haven’t got a friend / Just remember that death is not the end."

Geisterbeschwörung

1997 wiederum gibt Bob Dylan nach überstandener schwerer Erkrankung zu Protokoll: "I really thought I’d be seeing Elvis soon." Sein Album "Time Out Of Mind" hingegen ist eine nicht mehr erwartete künstlerische Auferstehung und der Beginn eines Alterswerks, das auch mit seiner Gänsehaut evozierenden Annäherung an den Tod aufhorchen lässt. Der Song "It’s Not Dark Yet" ("... but it’s gettin’ there") ist nichts weniger als ein dunkel funkelnder später Meilenstein mit durchbrechendem Licht.

Es folgen vier weitere Studioalben sowie das Weihnachtsalbum "Christmas In The Heart" (2009), das als ähnlich umstritten gilt wie fünf Jahre zuvor eine neue berufliche Betätigung des Meisters als Werbeträger für Damenunterwäsche, ehe Bob Dylan dazu übergeht, Geister zu beschwören. Ab "Shadows In The Night" von 2015 wird dem Great American Songbook neues Leben eingehaucht. Die Bezeichnung "Coverversion" ist dafür aber verboten: "They’ve been covered enough. Buried, as a matter a fact. What me and my band are basically doing is uncovering them. Lifting them out of the grave and bringing them into the light of day."

Is it dark yet? Nein. Bob Dylan im Jahr 2017. - © Claxton Telltale / Sony Music
Is it dark yet? Nein. Bob Dylan im Jahr 2017. - © Claxton Telltale / Sony Music

Was ist Erinnerung? Wie bestimmt sie die Zukunft? Auf "Rough And Rowdy Ways", seinem ersten Album mit Originalmaterial als Literaturnobelpreisträger, nimmt Bob Dylan im Jahr 2020 schließlich die Ermordung John F. Kennedys zum Anlass für eine monumentale Meditation mit 152 Versen. Und er entführt uns auf eine Reise, die als Roadtrip daherkommt, dessen Ziel die Unsterblichkeit ist, die man als Seniorenparadies kennt: "Key West is the place to be / If you’re looking for immortality."

Die Endlichkeit fühlt sich an dieser Stelle tatsächlich bezwungen an. Is it dark yet? Nein. In Florida scheint nach wie vor verlässlich die Sonne. Und auch der Drink dazu, Bob Dylans seit 2018 auf dem Markt erhältlicher "Heaven’s Door"-Whiskey, ist ein zutiefst irdisches Vergnügen. Sein Abgang wird von Kennern als "mittellang" beschrieben.