Sollte die Kunst des Schattenrisses wieder aufleben, ließe sich Brad Mehldau damit blendend porträtieren: Der Jazzpianist besitzt nicht nur einen unverkennbar subtilen Sound, sondern auch eine spezielle Arbeitspose. Wie ein Vogel, der sich im eigenen Gefieder vergräbt, hält er den Kopf seitlich gedreht: ein Bild der Selbstversunkenheit.

Auch musikalisch legt es der zentrale US-Pianist seiner Generation am Mittwoch im Konzerthaus nicht auf ein Virtuosenfeuerwerk an. Flankiert von Larry Grenadier und Jeff Ballard an Kontrabass und Schlagzeug sichtet der 50-Jährige vor allem swingende Standards. Kein Abend der Endlos-Notenwürste: Mehldau verschafft ziselierten Sololinien mit vielen Pausen rundum Raum; für den Drive sorgen federnde Becken-Beats und die Saiten-Künste Grenadiers, der den Walking-Bass-Puls auch in seinen Soli weiterführt und gern mit schelmischen Glissandi mischt.

Mainstream für Feinspitze

Gut, etwas notenknausrig beginnt Mehldau schon. Spätestens in seinem Original "Bell And The Dragon" schrauben sich seine Klavier-Phrasen aber in eine verzückte Stimmung hoch, und das polyrhythmische Thema versorgt Ballard mit reizvoller Arbeit. "Autumn in New York" wiederum, die Ruheoase des Abends, lässt lyrische Blockakkorde auf überraschenden Dissonanz-Pfeffer treffen. Mit "Here’s That Rainy Day", gereicht im Secherstakt, schwelgt das Trio aber schon wieder in seinem behaglichen Feinspitz-Swing und lässt danach noch John Coltranes "Satellite" fliegen - weniger wuchtig als im Original, aber dafür einmalig graziös.