2017 sahen sich die Entdeckungsreisenden im deutschen Feuilleton kollektiv zum Jubel über einen spektakulären Volltreffer bei ihrer Dauerbeschäftigung Zeig-deinen-Distinkt-und-wittere-den-neuesten-heißen-Scheiß-im-Land genötigt: Da waren sie nämlich alle hin- und hergerissen vom unbetitelten Debüt-Album von Sophia Kennedy - "Die Zeit", "taz", "FAZ" und selbstverständlich auch Fachmagazine wie der "Musikexpress" und die damals noch existente Subkulturbibel "Spex" überschlugen sich in ihren Lobeshymnen vor phantasievoll-blumigen Belobigungen des Werks, das auf oft rumpeliger Klavierbasis Pop, HipHop, Jazz und Electronica verquirlte.

Pfirsiche und Pizza

Eigentlich ist Sophie Kennedy, 31, Amerikanerin, kam aber schon im Alter von 10 Jahren mit ihrer Mutter von Baltimore nach Deutschland und bezog Quartier in einem Dorf in der Nähe von Göttingen. Sie studierte Film an der Hamburger Filmhochschule und drehte einen Streifen über Pfirsiche mit Welteroberungs-Gelüsten, verdingte sich als Türsteherin in einem Club und arbeitete sich - damit allerdings als 20-Jährige noch heillos überfordert - an Theatermusiken ab. Ihr Initiationserlebnis als Musikerin hatte sie als Schülerin gehabt, als sie sich nach dem Unterricht eine Paprika-Pizza kaufte, auf dem Spielplatz vom Regen überrascht wurde, weinend mit der nassen Pizzaschachtel nach Hause lief und ihre Misere in einem Song festhielt.

Kennedys Debüt-LP entstand mit kompositorischer und produktionstechnischer Unterstützung durch Mense Reets von den Goldenen Zitronen, einem Veteranen der Hamburger Szene. Ihr Erfolg bei Kritik und Geheimtippfetischisten öffnete der Sängerin und Keyboarderin etliche Türen. Im Duo Shari Vari exerzierte sie mit der Hamburger Filmemacherin und Musikerin Helena Ratka Electropop; sie war Gast auf Dj Kozes gefeiertem Album "Knock Knock" und kooperierte mit Stella Sommer von der Pop-Band Die Heiterkeit.

Wieder mit Mense Reets als Helferlein an Reglern und beim Songschreiben hat Kennedy nun ihr zweites Album, "Monsters", gefertigt. Dass dieses nach dem gefeierten Erstling keine leichte Übung war und auch deshalb vier Jahre auf sich warten ließ, liegt auf der Hand. "Natürlich habe ich Druck gefühlt. Man stellt sich die Frage, wie kann es weitergehen, ohne sich zu wiederholen. Wobei ich sagen muss, dass es nicht die Hauptanstrengung war, das zweite Album am ersten zu messen. Das hatte ich teilweise schon vergessen", erklärt Kennedy in einem Podcast des Onlineradios ByteFM.

Noch vielseitiger und prononcierter als der Vorgänger, lässt "Monsters" rein gar nichts von selbst- oder von außen auferlegtem Druck spüren. Im Gegenteil, es verblüfft, wie mühelos Kennedy zusammenbringt, was vermeintlich nicht zusammengehört. Die Jazz-Einflüsse sind prominenter geworden, die Produktion spielt noch gezielter mit Verfremdungseffekten; vereinzelt finden Weltmusik-Einflüsse ins Klangbild, in dem immer wieder heftige Synthie-Wellen anbranden.

Während Kennedy bei Kooperationen ihre biegsame Stimme hin und wieder auf Deutsch einsetzt - herausragend in DJ Kozes "Drone Me Up, Flashy", das sich wie eine abenteuerliche Kreuzung aus Hildegard Knef und Gustavs "Verlass die Stadt" ausnimmt -, sind ihre Alben unter eigener Flagge ihrer ersten Muttersprache vorbehalten. Auf "Monsters" allerdings mit einer winzigen, gleichwohl bemerkenswerten Abweichung. In "I’m Looking Up" nämlich umschifft Kennedy die Klippen von Versmaß und Reimmöglichkeit mit einem Schwenk ins Deutsche: "Please give me a sign / ich bin so allein". Das macht umso mehr Sinn, als es eine Anrufung ihres verstorbenen Vaters ist.

Grinsender Teufel

Und der Tod hält, so kann man durchaus sagen, diese Platte thematisch umklammert. Im Auftakt "Animals Will Come" imaginiert eine sterbende Person, wie sich Tiere an ihr gütlich tun werden.

Der letzte Song, "Dragged Myself Into The Sun", endet mit einem Sample der Telefonstimme von Kennedys ebenfalls kürzlich verstorbener Großmutter, die sich empathisch nach dem Fortkommen der fernen Enkelin erkundigt. Dazwischen sieht man den Teufel grinsen, Vorhänge sich aufbauschen "wie in Avantgarde-Filmen", ein Pferd ohne Kopf auf einem Bett, familiären Wahnsinn Generationen überschreiten - und weiß: Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen, und es ist super.