"Woran erkennt man einen Bassisten im Casino? Er weiß nie, wann er seinen Einsatz machen muss." Als Bassist einer Band mag man sich damit abgefunden haben, mitunter mehr schlechte Witze auf eigene Kosten zu hören als inspirierte Soli von seinen Kollegen. Dabei sollte man einerseits nicht vergessen, dass die besten Musikerwitze noch immer auf Kosten vom Schlagzeugern oder Bratschisten gehen.

Andererseits gibt es natürlich auch Ausnahmen. Theo Ellis etwa kannte seinen Einsatz ziemlich genau, als er sich 2018 bei der Verleihung des renommierten Mercury Prize für "Visions Of A Life", das zweite Album seiner Band Wolf Alice, nach dem zehnten Bier auf der Bühne wiederfand, um etwas zum Thema Diskriminierung im Musikgeschäft loszuwerden. Immerhin sei die 2010 in London gegründete Band anfänglich allein für die Tatsache belächelt worden, eine Frau mit dabei zu haben, die auch noch die Chefin ist. Selbstverständlich gehen dem Mann auch Festival-Line-ups auf den Zeiger, auf denen man mit der Lupe nach weiblichen Namen suchen muss - um sie am Ende erst recht nicht zu finden.

Eine Ansage

Frontfrau Ellie Rowsell selbst wiederum brachte sich erst heuer im Februar in die Diskussion um Missbrauchsvorwürfe gegen Marilyn Manson ein. Stichwort Upskirting: Der US-Musiker hätte ihr vor einigen Jahren im Backstagebereich eines Festivals unter den Rock gefilmt und die Reaktion seines Tourmanagers wäre ein lapidares "Solche Sachen macht er die ganze Zeit" gewesen. "Wann werden wir aufhören, Frauenhasser wegen ihres Erfolgs zu ermächtigen? Frauen müssen sich in einer männlich dominierten Domäne wie der Musikindustrie sicherfühlen können", so die demnächst 29-Jährige auf Twitter.

Mit "Smile" kam die unter Starkstrom gesetzte zweite Single aus dem nun vorliegenden dritten Album "Blue Weekend" (Dirty Hit) also nicht von ungefähr als Ansage daher: "I am what I am and I’m good at it / And if you don’t like me well that isn’t fucking relevant!" Wobei die Sache mit der Geschlechterbeziehung auch auf den elf neuen Songs mitunter sehr kompliziert ist. Zumindest im sehr wahrscheinlich dem Reich der Fiktion zuzuschreibenden Song "Delicious Things" geht das Autoren-Ich im Herzen der Glitzer- und Glamourmetropole Los Angeles wider besseres Wissen mit einem Bad Guy in die Federn: "I won’t say no / I’ll give it a go." Weißes, auf Linie gebrachtes Pulver wird durch die Nase gezogen. Am Ende steht das unvermeidliche Telefonat mit der Mutter.

Apropos Klischees und Kalifornien: Für blasse, nach Regenwetter und Mangelernährung aussehende junge Briten mag es erstaunlich sein, aber "Blue Weekend" ist ein astreines US-Westküstenalbum geworden, das man gut auf einem Roadtrip zum nächsten Strand mit im Fahrtwind trocknenden Haaren hören könnte. Zwar haben Wolf Alice ihre Wurzeln im Indierock der 90er-Jahre mit gelegentlichem Rückgriff auf Folk-Zupfgitarren und Harmoniegesang ("Safe From Heartbreak") ebenso beibehalten wie die forsche Gangart - im punkistischen "Play The Greatest Hits" etwa keift und keppelt die Sängerin, dass es eine Art hat. Und doch sind es vor allem die Pop-Sensibilitäten, die das Quartett heute hervorstreicht. Bei Stücken wie "Lipstick On The Glass" und "How Can I Make It OK?" fühlt man sich nicht zuletzt an die mit einem extratrockenen Martini abgefederte "Summertime Sadness" einer Lana Del Rey oder an Fleetwood Mac in ihrer "Rumours"-Ära erinnert. Produzent Markus Dravs hat dafür an dichten Texturen und Atmosphären gefeilt. Unterstützung in Form eines weihevollen Himmels voller Geigen kommt außerdem von Owen Pallett, dem Streicherbeauftragten des Indie-Pop-Universums.

Mit "No Hard Feelings" hört man eine minimalistisch arrangierte Trennungsballade, die ans Herz rührt. Tonangebend bleibt aber ein Gefühl der Sehnsucht mit dem wiederholt besungenen "Beach" als Kulisse. Das ist für unsereinen (noch!) gemein. Der alte Kalenderspruch "Wenn ich den See seh, brauch ich kein Meer mehr" ist historisch längst widerlegt.