Wer hätte je gedacht, dass man eines Tages ausgerechnet Jazzrock-Geknatter wieder gut finden würde? Und gar Virtuosentum, den Heiligersidseiseibeiuns der Drei-Akkord-Faltigkeit des Punk?

Black Midi rufen für Augenblicke die präzise Strenge der heute fast vergessenen, Ende der 80er Jahre aber als wegweisend eingestuften kanadischen Formation Nomeansno und die dichten Texturen des noch vergesseneren britischen Rock-Jazz-Ensembles East Of Eden auf. Es ist aber auch keineswegs abwegig, auf die hermetischen High-Energy-Exerzitien des amerikanischen Mahavishnu Orchestra Bezug zu nehmen. Allerdings stehen Exzessen an Speed und Fingerfertigkeit auch Passagen gegenüber, wo Melodien ohne falsche Angst vor Sentiment freier Fluss gewährt wird.

Unheilschwanger

Was es aber im Endeffekt ausmacht, ist die individuelle Klasse der vier Akteure: Eine Stimme wie die von Geordie Greep, der im Verbund mit Matt Kwasniewski-Kelvin auch die rasenden Gitarren-Exkurse absolviert, vergisst man, so dunkel, belegt und unheilschwanger, vom ersten Hören weg nicht mehr. Von Drummer Morgan Simpson zu sagen, er brauche keine Vergleiche zu scheuen, meint ernsthaft auch Jazz-Titanen wie Billy Cobham oder Tony Williams. Cameron Picton bringt als zweiter Sänger einen stimmlichen Kon-trast zu Greep ins Spiel und bedient den für solche Musik neuralgischen Bass bravourös.

Die vier Musiker sind kaum über 20 und sehen, obwohl ihre Musik eigentlich gar nicht arm an Comedy-Elementen ist, aus, als gingen sie in den Keller lachen. Von ihren ersten Auftritten und Singles an sind sie unter aufmerksamer Beobachtung der avancierten Musikpresse gestanden. Legendären Status erlangte ihr vom Seattler Radiosender KEXP online gestreamter Auftritt im Kex Hostel in Rejkjavik anlässlich des Iceland Airwaves Festivals 2018. Die LP "Schlagenheim", die weitgehend das Repertoire dafür stellte, wurde ein Jahr später nachgereicht und für den Mercury Prize nominiert.

- © Rough Trade Records
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Kürzlich ist - ohne Kwasniewski-Kelvin, der sich wegen mentaler Probleme eine Auszeit genommen hat, und mit Unterstützung durch Bläser - Album Nummer zwei erschienen. Substanziell unterscheidet sich "Cavalcade" nicht dramatisch vom gefeierten Debüt. Allerdings sind die Kontraste deutlich geschärft worden. Wo auf den Putz gehaut wird, geschieht das noch heftiger, wo Kontemplation angesagt ist, wird sie vertieft.

Gleich die ersten beiden "echten" Stücke, die einem auf Drone-Sounds gebauten Prolog folgen, machen das in aller Drastik klar. "John L" handelt von einer mächtigen Herrscher-Figur. Das "L" im Titel bezeichnet die römische Zahl für 50, im Text wird der Regent "John Fifty" genannt - es handelt sich also um den Spross einer langgedienten Herrscher-Dynastie. Der seine besten Zeiten allerdings hinter sich hat. Vorsorglich warnt Greep in einem Interview mit KEXP aus dem April dieses Jahres, dem Inhalt zu viel Bedeutung beizumessen. "Es ist eine Art Pam-phlet, ein Pastiche. Eine dumme kleine Scherzgeschichte - eher auf der humoristischen als der dramatischen Seite angesiedelt."

Feierliches Finale

Die musikalische Umsetzung straft solches Understatement indes Lügen: Ein heftiger, gleichwohl wiederholt gebrochener Stakkato-Rhythmus eröffnet ein Inferno aus scheinbar kaum im Zaum zu haltenden Gitarren, grollendem Bass und Simpsons unnachgiebigem Geknüppel. Greeps vokaler Vortrag, Mark E. Smith nicht ganz unähnlich, ist kaum als "Gesang" zu bezeichnen - "Gegeifer" scheint wesentlich passender. Ganz anders dagegen die stimmungsvolle Ballade "Marlene Dietrich", die problemlos in jedem Nachtclub gespielt werden könnte und Greep ungeahnte Talente als Crooner attestiert. Der Song ist Entmystifizierung wie Hommage zugleich: über und an eine Diva, die ihr Altern mit kosmetischen Hilfsmitteln zu übertünchen versucht und mit vielerlei Enttäuschungen fertig zu werden hat, aber noch immer mit ihrer Bühnenpräsenz verzaubert.

In diesem Spannungsfeld zwischen Attacke und Besinnung bewegt sich die LP über die noch folgende halbe Stunde. Herausragend sind dabei das explosiv-quirlige "Hogwash And Balderdash", und, entlang der kontemplativen Linie, das abschließende "Ascending Forth", das sich sogar mit einem richtig feierlichen Grande Finale schmückt.