Mit ihrem Debütalbum gelang dieser Band ein Überraschungserfolg, der mindestens ein neues geflügeltes Wort in das globale Poplexikon einschrieb: "Quiet Is The New Loud", im Jänner des Jahres 2001 erschienen, bedeutete nicht nur, dass zart verhaltene Zupfgitarrenklänge mit an Simon & Garfunkel geschultem Harmoniegesang und dem einwendig-analogen Gefühl des Rückzugs und der Zeitlosigkeit ausgerechnet zu Beginn des angeblich supermodernen 21. Jahrhunderts plötzlich wieder angesagt waren.

Vor allem auch erlebte man Männer, die Gefühle hatten, und diese als sowieso schon gebrandmarkte Schüchtis auch zeigen konnten. Geschenkt, erste musikalische Erfahrungen hatten die im norwegischen Bergen aufgewachsenen Freunde Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe bereits in ihrer nach dem alten The-Cure-Song "A Forest" benannten Band Skog gemacht. Bekanntlich neigten und neigen Robert Smith und seine Heilsarmee nicht nur zum dramatisch geschminkten Leid an der Welt, sie schrieben mit "Boys Don’t Cry" auch einen frühen Abgesang an stereotype Geschlechterzuschreibungen, die mitunter auch Männer betreffen. Selbstverständlich dürfen Buben weinen.

This is Zartcore

Insgesamt nahmen die Kings of Convenience ihr Debütalbum dreimal auf - 2004 unter dem Titel "Riot On An Empty Street" und 2009 in Form der musikalischen Abhängigkeitserklärung "Declaration of Dependence". Zu mehr reichte es quantitativ auch deshalb nicht, weil der studierte Psychologe Bøe ein beschauliches Familienleben in seiner norwegischen Heimat ohne Reisestress und Tourverpflichtungen bevorzugte, während es Erlend Øye hinaus in die Welt zog. Nach Zwischenstopps in Manchester, London, Berlin, Chile und Mexiko - wie auf dem dort in einem Hotelzimmer aufgenommenen Lockdownalbum "Quarantine At El Ganzo" erst im Vorjahr dokumentiert - brachte ein nicht nur verhältnismäßig fester Wohnsitz auf Sizilien ab 2013 mit "La Prima Estate" auch einen ersten, akut lebensbejahenden Song auf Italienisch.

Nachdem Øye sein für den Club konzipiertes Bandprojekt The Whitest Boy Alive ausgerechnet tinnitusbedingt aufgeben musste, entstand auf Island etwa auch noch das Reggae-beeinflusste Album "Legao" (2014), während Bøe erst drei Jahre später mit seinem Projekt Kommode und einem recht treffend betitelten Album namens "Analog Dance Music" wieder von sich hören ließ.

"Peace Or Love"-Albumcover. 
- © Universal Music

"Peace Or Love"-Albumcover.

- © Universal Music

Damals war ein Comeback als Kings of Convenience bereits in Arbeit. Allerdings verschob sich die Genese des nun mit großer Verspätung und nach insgesamt zwölf Jahren ohne gemeinsame Veröffentlichung also doch noch vorliegenden neuen Albums aus diversen Gründen. Auch Bøes im Song "Washing Machine" kaum chiffriert verhandelte Scheidung nach 21 Ehejahren mag einer davon gewesen sein. Auf jeden Fall hat die Band ihren Erstling unter dem neuen Titel "Peace Or Love" (Universal Music) mittlerweile zum vierten Mal eingespielt. Leise ist darauf zwar nur mehr das neue Laut von damals - dafür aber ist es noch immer sehr leise.

Zum Teetrinken

Die elf neuen, in knapp 38 Spielminuten dargebrachten Songs sind so vertraut wie ein alter Freund. Man weiß, was man an ihm hat - und wie die gemeinsam verbrachte Zeit ablaufen wird. Wir hören hübsche, manchmal etwas gar gefällig auf Easy Listening gepolte Befindlichkeitssongs mit sanften Zupfgitarrenklängen und an Simon & Garfunkel geschultem Harmoniegesang. This is Zartcore: Unter Beigabe jeder Menge Soulfulness bei Stücken wie "Angel" und "Fever", dezenten Streicherspitzen und etwas Klavier gesellen sich musikalische Gastauftritte von Leslie Feist oder eines Urgroßneffen Edvard Griegs am Kontrabass. Bergen ist überschaubar - und man kennt sich.

Sagen wir so, die Musik hat sich in der Zwischenzeit zwar exakt überhaupt nicht verändert - wahrscheinlich aber haben wir uns verändert. Was früher an den Kings of Convenience nerven konnte, nehmen wir nach bald eineinhalb Jahren Pandemie gelassen zur Kenntnis. Revolutionen werden mit dieser Musik definitiv nicht angezettelt, Teetrinken lässt sich aber ganz hervorragend dazu. Gegen tiefenentspannte Bekenntnisse zur Gemeinschaftlichkeit wie in "Ask For Help", einer Art Gegen-Twitter in Songform, ist inhaltlich ohnehin wenig einzuwenden.