Alle Vielfalt der Welt: International Music. 
- © Harriet Meyer

Alle Vielfalt der Welt: International Music.

- © Harriet Meyer

Höchstwertung im "Musikexpress" - Sechs Sterne deluxe. Prädikat "Weltklasse" im auch nicht immer ganz falsch liegenden "Standard". Es sind indes nicht einmal solche Superlative, die uns hier nahelegen, auf International Music und ihr vor zwei Monaten erschienenes zweites Album, "Ententraum" (Staatsakt), zurückzukommen. Wesentlicher ist, dass das Essener Trio damit einen neuen Standard für deutschsprachige Rockmusik festgeschrieben hat, an dem sich Produktionen aus unseren Landen fürderhin zu messen haben. Dass eine aus Österreich ihm wenigstens nahekommt, ist immerhin erfreulich.

Entwicklungen und Aufregern, die die Popszene aktuell umtreiben, dürften International Music nie auch nur einen Seitenblick gegönnt haben. Diese unglaublich lässig in Szene gesetzte, auf minimalster Gitarren-Bass-Schlagzeug-Basis aufbauende Musik, deren wesentlichste Interpunktion ziemlich ausgefeilte Chorgesänge sind, kann alles und darf alles: abenteuerliche Tempo- und Stilwechsel ebenso wie Voll-Attacken in psychedelischer Verklärung/Verzerrung. Diese Musik wird, da sie alle Vielfalt der Welt in sich trägt, nie irgendwelcher besonderer Gimmicks bedürfen, um "Relevanz" reklamieren zu können - sie muss nur, schwierig genug, das Niveau des Songwritings aufrechterhalten.

Die Inhalte, traditioneller Rettungsanker (oder Sargnagel) der deutschsprachigen Rockmusik, ziehen eine eigene Spur: Bisweilen scheinbar überhaupt sinnentledigt, spielen sie zumeist mit Themen, die man nach Alltagsvernunft eher absurd nennen würde. Nicht wenige Titel tragen die Namen von (ziemlich archaisch anmutenden) Orten wie "Höhle der Vernunft", "Insel der Verlassenheit", "Museum", "Dschungel". Diese Schauplätze sind belebt von wunderlichen Wendungen und Geistesblitzen: "Weinen will ich nicht, das befeuchtet mein Gesicht zu sehr." "Ich bin Gedankenzähler / ich zähle 15 Gedanken / 2 davon sind gut / 3 gemein / und über die restlichen 9 zu reden / lassen wir lieber sein."

Kantige Gitarren

Gerade weil Text und Musik aus unterschiedlichen Galaxien zu kommen scheinen, potenzieren sie sich zu einer unwiderstehlichen Ladung. Ein erfrischend grobkantiges Riff trägt "Höhle der Vernunft" durch einen schwindelerregenden existenziellen Diskurs; eine aufgekratzte Distortion-Gitarre bringt das gelangweilt vorgetragene "Marmelade" auf Touren; der "Wassermann" vollzieht einen angeregten psychedelischen Exkurs durch verschiedene Tempi und Intensitätsstufen.



Furchtlos: Patiri Patau. 
- © Christopher Glanzl

Furchtlos: Patiri Patau.

- © Christopher Glanzl

Erstaunlicherweise gibt es Musik mit entfernt ähnlicher Ausstrahlung auch aus Österreich. Patiri Patau ist ein Projekt des Kabarettisten und Autors Homajon Sefat und hat null mit Kabarettmusik, wie wir sie kennen, zu tun. Vielmehr ist ihr LP-Debüt "Für immer Swoboda" (Seidenpapier Records/375) eine Rockplatte, und zwar eine teilweise ziemlich deftige.

Zwei kantige Gitarren treiben im Verbund mit einer kompakten Rhythmusgruppe den Sound vor sich her; in den besinnlicheren Momenten dominiert eine zuweilen ziemlich schmalzige Orgel. Sefat erzählt seine Texte via Tonhöhenvariationen stets mit einer Andeutung von Melodie, sodass es mehr nach Gesang klingt; für die Refrains und die schwierigeren Parts übernimmt Gitarrist Andreas Gaubitzer die erste Stimme.

Kurzum: Kaum etwas im Sound verrät, dass hier nicht eine "ganz normale" Rock-Band am Werk ist. Auch das ist Musik, der zwischen Aggression, Kitsch und Lärm-Attacke nicht so schnell etwas unmöglich ist, mit Texten, die plötzlich von der Geraden abbiegen, sich scheinbar heillos in Wortspielen verstrudeln und am Ende einen veritablen Schwindel auslösen. "Für immer Swoboda" auf "immer da" zu reimen und auf einer Schildkröte mit Löchern im Panzer durchs All zu reiten, zeugt schon von Furchtlosigkeit.

Gleichwohl strahlen Patiri Patau inhaltlich ziemlich das Gegenteil jener gewissen intellektuellen Abgehobenheit aus, wie sie Interna-tional Music durchaus souverän verströmen. Es liegt bisweilen sogar etwas unterschwellig Klägliches in Sefats Szenarien - selbst wenn er sich gerne des schnöselig-arroganten Tonfalls der Zeitgenossen von Kahlenberg bedient.