Die Ankündigung, dass es sich bei "Boy From Michigan" um das bisher autobiografischste Album von John Grant handeln solle, ließ Verwunderung aufkommen. Immerhin trägt der demnächst 53-jährige Musiker sein Herz bereits seit seinem Solo-Debüt "Queen Of Denmark" von 2010 auf der Zunge. Nicht nur in Interviews, sondern auch im einen oder anderen recht bekenntnishaften Songtext hat man also viel mehr über den US-Songwriter erfahren, als man eigentlich wollte: "I wanted to change the world / But I could not even change my underwear": Nicht zuletzt alte Kränkungen, das (vermeintliche) persönliche Versagen, die Standortbestimmung als Außenseiter und gerne auch das Leiden daran bestimmen sein Werk.

Sprachgewandt

John Grants oft erzählte Geschichte inkludiert das Thema unterdrückte aufkommende (Homo-)Sexualität im Umfeld einer strenggläubigen Methodistenfamilie, seine Zeit als Sänger der im Alternative-Rock-Bereich zwar respektierten, aber nie wirklich zu (kommerziellem) Erfolg gekommenen Band The Czars, einen Absturz in die Alkohol- und Drogenabhängigkeit sowie eine Phase des Rückzugs und der Selbstfindung mit einem Brotberuf als Kellner.

Nach erfolgreicher Ausnüchterung und einem geglückten Start in die Solokarriere wieder im Rampenlicht, berichtete Grant schließlich 2012 von seiner HIV-Infektion. Trotz aller auch seither auf Alben wie "Pale Green Ghosts" (2013) und "Grey Tickles, Black Pressure" (2015) geschilderten Widrigkeiten ging es, von außen betrachtet, auf der Achterbahn seither aber wieder steil nach oben. Die Zunahme der Kritikergunst wäre ebenso zu erwähnen wie die Eroberung Großbritanniens als Kernmarkt (mit einem Platz in den Top 20 für das zuletzt erschienene Album "Love Is Magic" von 2018) und ein neuer Lebensabschnitt mit einem Wohnsitz auf Island.

Dass das neue Album nun mit alten Outer-Space-Synthesizern eröffnet, mag einmal mehr der buchstäblichen "Alienation" geschuldet sein, die John Grant in seiner Kindheit und Jugend erfahren musste. Immerhin hört man zum Auftakt seine persönliche "Michigan-Trilogie", die bereits im Titelstück eine Warnung vor der bösen Außenwelt mit sich bringt ("Beware, when you go out there! They’ll eat you alive if you don’t take care ..."), während im anschließenden "County Fair" zumindest eskapistische Kindheitsfreuden zwischen Zuckerwatte und Softdrinks erinnert werden.

Wenig später, autobiografisch sind wir in den späten Teenagerjahren John Grants in Denver angelangt, wird dort in einer schicken Art-déco-Bar der letzte Abend vor dem Aufbruch nach Deutschland verbracht. Dessen Ergebnis wiederum hört man kurz darauf, wenn der sprachgewandte Sänger mit dem klingenden Bariton erklärt, warum ihm Assonanzen lieber als Alliterationen sind, um unter dem Motto "I decline and conjugate, therefore I am" auch noch zum Konjugieren deutscher Verben anzusetzen: "Essen-Aß-Gegessen, Flechten-Flocht-Geflochten ..."

Aber nicht nur die inhaltliche Bandbreite von "Boy From Michigan" ist groß. Sie wird übrigens noch um eine Abrechnung mit den USA der Ära Donald Trump ("The Only Baby") ergänzt und inkludiert neben Schmetterlingen, die Amokläufe verhindern ("Best In Me"), auch eine Persiflage des globalen Raubtierkapitalismus als feuchter Traum: "Your portfolio is making me wet!"

Unendliche Weiten

Auch musikalisch nimmt John Grant keine Gefangenen und durchmisst in einer abendfüllenden Arbeit mit bis zu neunminütigen Songs das gesamte Spektrum seiner Kunst. Man höre etwa das als eine Art Suite angerichtete "Dandy Star", das nach seiner Öffnung zur Space-Ballade durch unendliche Weiten schwebt, im Kontrast zu den gespielten Witzen hinter Songs wie "Rhetorical Figure" oder den Synthesizer-Arrangements auf den Spuren der Nine Inch Nails ("The Rusty Bull"), während sich Vocodergesänge und angejazzte Bläser um eine Klarinette als Neuzugang Nummer eins quer durch das Album schlängeln.

Abermals zu absoluter Hochform läuft John Grant aber nicht zuletzt ganz am Ende auf. "Billy" ist eine dieser ganz großen Elton-John-Balladen, wie sie nur von John Grant sein können - wenn sie Elton John nicht selbst geschrieben hat.