Ihr selbstbetiteltes erstes Album aus dem Jahr 2017 entstand als Schmerz- und Trauermeditation nach dem Tod ihrer Mutter. Der Nachfolger legt nun zunächst nahe, dass sich die Dinge seither nur bedingt zum Besseren gewandelt haben: "Fatigue", also Erschöpfung, klingt eher nach posttraumatischer Phase und trifft dabei auch den Geist einer nach eineinhalb Jahren Corona gezeichneten oder jedenfalls "pandemüden" Gesellschaft. Wem das alles zu wenig ist, dem bleibt im Hochsommer natürlich auch noch die Hitze, zu der man sich nur den nötigen Lärm von Abriss- und Asphaltarbeiten vorstellen muss. Irgendetwas zermürbt immer.

Expedition ins Unterbewusste

Wie der von Stop-and-go-Elementen, alarmistischen Warnsignalen und diversen anderen aufgeriebenen Sounds geprägte Eröffnungstrack "Fly, Die" bereits nahelegt, in dem die auf friedliche Stoßseufzer gebuchte Stimme der US-Musikerin Taja Cheek alias L’Rain so etwas wie den Fels in der Brandung darstellt, ist das eigentliche Thema des Albums aber der gute alte, einst von Barack Obama beschworene "Change". A change is gonna come: Veränderung wird auf "Fatigue" aber weniger politisch gedeutet. Eher geht es um die individualpsychologischen Auswirkungen dieser Unvermeidlichkeit auf uns alle.

Veränderung also als etwas, das man nicht zuletzt mit zunehmendem Alter nicht mehr so gerne mag. Hallo, das haben wir doch bisher auch nicht gebraucht! Rechnet man den Energie- und Ressourcenaufwand in unserer diesbezüglich langsam sensibilisierten Gesellschaft dazu, könnte man sich mit etwas Lebenserfahrung beinahe darauf einigen, dass besser doch alles so bleibt, wie es immer war. Nennen wir es die österreichische Lösung.

"Fatigue"-Albumcover. 
- © Jason Al-Taan

"Fatigue"-Albumcover.

- © Jason Al-Taan

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist L’Rain zu einer Expedition in das Unterbewusstsein aufgebrochen. Das musikalische Grundsetting ihrer Kunst hält alles, was es dafür braucht, in einer Art Basislager bereit. Drei Fragezeichen tauchen als weichgezeichneter Nebel aus dem Synthesizer auf und werden schneller von den Bläsern aus Jamaika wieder aus dem Erinnerungszentrum gedrängt, als sich der behäbige Basslauf dort einnisten kann. Kaum etwas wird je zu explizit - bis das meiste schon wieder verschwommen ist: Selbstverständlich stehen in diesen nur knapp 30 Spielminuten auch die Genregrenzen weit offen.

Ein mehr dem Experiment als der klassischen Schule geschuldeter Zugang zu Neo-Soul und R&B ist aber ebenso auszumachen wie eine Dosis Jazz zwischen spätnächtlichen Großstadtsaxofonen und einem geloopten, auf dem Laptop überholten Klaviermotiv. Im Extremfall fällt bei Stücken wie "Kill Self" ein dunkel gefärbter Dancebeat ein. In "I V" traum- und lustwandelt der Geist Julia Holters durch den Musenhain ihres Albums "Have You In My Wilderness" von 2015. Und im Falle von "Find It" erinnert ein Reverend mit händeringendem Vortrag an den alten Begräbnis- und Todesgospel "I Won’t Complain".

Akustische Splitter

Apropos Geisterbeschwörung und Erinnerungskultur: Zwischen ihren "Songs" - die Künstlerin selbst spricht hier von einem Annäherungsprozess, Stichwort "approaching songness" - gibt L’Rain mit kurzen Interludes aus dem Taperecorder die Archivarin ihrer (rezenteren) Biografie. Die in Crown Heights aufgewachsene Enkeltochter eines ehemaligen Jazzklubbetreibers setzt akustische Splitter beiläufiger Alltagsgeräusche und gelebter Momente als Memos wider das Vergessen ein. Wenn Veränderung schon stattfinden muss, so ist sie jetzt zumindest dokumentiert. Auch die wenigen Textzeilen des Albums rufen nicht grundlos Informationen aus dem Gedächtnis ab. Weniger als um die reine Nostalgie geht es dabei immer auch um eine Brücke in die Zukunft: "My mother told me / Make a way out of no way." Das ist L’Rain ebenso gelungen wie letztlich die Hinwendung zum Licht.

Als Unterstützerin der Aktion "Sounds Of Saving", die sich mit musikalischen Mitteln gegen den Anstieg von Depressionen und Suizidraten in den USA engagiert, sind Spiritualität und Empathie auch in ihrer Kunst nicht zu überhören. Im Falle des Album-Ausreißers "Suck Teeth" reicht aber auch ein knieweicher Laidback-Groove, um die Stimmung zu heben und das Gegenteil von "Fatigue" aufkommen zu lassen. Außerdem tritt dabei auch das volle Potenzial von L’Rain als Songwriterin zutage.