Mit den Songs ihrer neuen Platte "Let Yourself Be Loved" setzt Joy Denalane ein definitives Soul-Statement. Die 47-jährige Berlinerin bewegt sich dabei musikalisch mehr als überzeugend in der Phase von Ende der Sechzigerjahre bis Mitte der Siebziger. Nicht umsonst ist das Album beim legendären Detroiter US-Label Motown Records erschienen. Die in Deutschland geborene Tochter eines Südafrikaners bringt ihre emanzipierten Lyrics in gut gebauten, an Motown-Girlgroups wie Martha & The Vandellas und die frühen Supremes erinnernden Liedern unter. Ihre Hommage an die großen Klassiker des Genres haucht dem Geist von Motown neues Leben ein. Die "Wiener Zeitung" sprach mit der bescheidenen Künstlerin und Mutter von zwei erwachsenen Söhnen über ihren Einzug in die Ruhmeshalle des Soul, ihr starkes Statement für Selbstbestimmung, gegen Rassismus und für mehr Selbstliebe.

"Wiener Zeitung":Frau Denalane, Sie werden als die "German Queen of Soul" gehandelt.

Joy Delanane:Ich finde die Bezeichnung eigentlich etwas befremdlich. Denn es gibt ja keinen deutschen Soul. Insofern wäre ich dann eine Königin ohne Königreich. Ich weiß, das ist nett gemeint. Aber ich sehe mich nicht als Königin. Ich bin eine Sängerin, die immer noch dazulernt. Studentin passt eher zu mir. Soulmusik ist so etwas Großes. Auch das Songwriting ist ein anderes. Erst mit meinem Produzenten Roberto Di Gioia fand ich jemanden, der diese Siebziger-Jahre-Soul-Epoche durchdrungen hat und auf den Punkt genau das umsetzen konnte, was ich brauchte.

Aber mit Ihrer Musik haben Sie sich vielleicht doch Ihr Königreich geschaffen. Weltweit betrachtet gilt Aretha Franklin als die "Queen of Soul". Stimmt es, dass Sie als Kind Angst vor Arethas Stimme hatten?

Sie hat mich schwer beeindruckt und teilweise überfordert, weil sie so unvergleichlich klar und facettenreich sang. Das ist eine Urgewalt. Schließlich trägt sie nicht umsonst diesen Ehrentitel als die unbestrittene "Queen of Soul". Ich habe schon damals den Unterschied zu anderen Sängerinnen gespürt. Ich war beeindruckt und ein bisschen eingeschüchtert. Am meisten faszinierte mich ihre Gospelplatte, "Amazing Grace". Sie trägt auf dem Foto einen Turban und ein Gewand mit außergewöhnlichen Prints, unkonventionell, ganz anders als die sexy, juicy Styles, die ich sonst auf den Plattenhüllen fand. Ich fragte mich damals, woher diese Frau wohl kam.

Was war das für ein Gefühl, als erste deutsche Künstlerin bei Motown Records zu landen, dem Label von Stevie Wonder, Diana Ross und Jackson 5?

Ich finde es einfach wunderbar, dass meine Arbeit so gewürdigt und anerkannt wird. Damit bekomme ich bestätigt, dass meine Songs Teil dieses afroamerikanischen musikalischen Erbguts sind. Das ehrt mich sehr. Auch das positive Feedback von Ethopia Habetemariam, der Chefin von Motown Amerika. Es ist einfach toll, von jemandem, den ich selbst bewundere, gelobt zu werden. Ich wurde ja schon durch mein Elternhaus mit diesem Sound sozialisiert. Deshalb wollte ich ein so nah wie möglich originäres Soulalbum machen. Mein Vater war in meiner Kindheit quasi mein Musikdealer. Er besaß hunderte von Platten. Meine ersten Erinnerungen ans Musikhören gehen zurück auf Soul. Ich würde sagen, da war ich gerade mal vier. Ich saß schon, bevor ich lesen und schreiben konnte, stundenlang vor diesen Regalen. Allein die haptische Erfahrung fand ich einfach toll. Diese Vinylplatten aus den Covern zu nehmen, mich mit dem Artwork zu beschäftigen.

Mit Ihrem Debüt "Mamami" spürten Sie in Südafrika den Wurzeln Ihres Vaters nach. Inwiefern ist das neue Album für Sie Selbstbehauptung als auch Ahnenforschung?

Meine neue Platte setzt sich mit den unterschiedlichen Facetten der Liebe auseinander. Das ist ein weites Feld, in dem es sehr viel um Bekenntnisse und Zugeständnisse geht. Da ist es nicht immer einfach, sich zu behaupten. Für mich ist das fast schon eine Lebensaufgabe. Das habe ich versucht, wiederzugeben. Liebe heißt ja nicht einfach nur, sich anzunähern, sondern im Zweifelsfall auch zu sagen: "Hier muss ich mich abgrenzen, weil es bestimmte Dinge gibt, denen ich treu bleiben möchte". Selbstbehauptung also, das ist was ich zu sagen habe. Da führt kein Weg dran vorbei. Was die Ahnenforschung angeht ist es eine Rückkehr an meine musikalische Urprägung. Diese Art von Sound, das ist Teil meiner künstlerischen Identität. Es sind auch schon weitere Alben bei Motown geplant.

Was verbirgt sich hinter Ihrem Statement "Soul is the truth. And nothing but the truth"?

Da habe ich den Godfather of Soul James Brown zitiert, der das mal gesagt hat. Für mich bedeutet das, Soul-Musik ist ehrlich, sie kommt aus dem Innersten der Seele und macht Gefühle ganz direkt sichtbar: Liebe, Wut, Schmerz, Hoffnung. Es erfordert Mut, Gefühle nicht nur zu umschreiben, sondern sie zu zeigen.

Wie kam es zur Coverversion von Soul-Veteran Bill Withers’ "Use Me"?

Sein Tod im vergangenen Jahr hat mich tief berührt. Er war ein unfassbar minimalistischer Komponist und großer, poetischer Geschichtenerzähler und als Mensch wirkte er sehr sympathisch. Angesprochen auf seine Erfahrungen als Schwarzer in den USA sagte er einmal, er habe die Wolken von beiden Seiten gesehen. Natürlich war es eine große Herausforderung einen Song dieses vielfach gecoverten Künstlers aufzunehmen, dessen Lieder wie "Ain’t No Sunshine", "Lean On Me" oder "Just The Two Of Us" zu Hymnen wurden und sich tief in das kollektive musikalische Gedächtnis gegraben haben.

Sie engagieren sich in der Initiative "Keychange", die gegen die Unterrepräsentanz von Frauen in der Musikindustrie auftritt. Wo sehen Sie Fortschritte?

Dass dieses Thema nun überhaupt angesprochen wird und auf dem Tisch liegt, ohne dass jemand dabei die Augen rollt, ist schon ein Anfang. Auch wenn es erst ein kleiner Schritt ist in die richtige Richtung. Ich komme ja eher aus der Generation der "Lean In", die geschaut haben, wie sie ihre Gedanken platzieren, ohne direkter Empörung ausgesetzt zu sein. Ich würde inzwischen sogar eine Quotenregelung als Übergangslösung befürworten. Firmen sollten sich eigentlich schon aus eigenem Interesse für mehr Diversität einsetzen.

Was war die Idee für das Cover?

Ich wollte nicht nur ein Porträt von mir, sondern die Töchter meiner Schwestern und meine Schwestern würdigen, eben diesen familiären Zweig einarbeiten. Einfach mal nur die Frauen, keine Männer, weder meine Söhne, noch Brüder oder Neffen. Und dieses Foto mit den beiden Schwestern, die sich aneinander festhalten, im Augenblick geborgen sind und hoffnungsvoll, aber auch mit Ungewissheit, in diesen künstlichen Himmel, ihre Zukunft, schauen hat mich total angesprochen.

Stimmt es, dass Sie als Kind oft im Bett lagen und überlegt haben: Woher kommt das überhaupt, dass die Hautfarbe so eine große Rolle spielt?

Ja, das habe ich mich gefragt. Dass ich abgelehnt wurde nur wegen meines äußeren Erscheinungsbildes, das konnte ich nicht begreifen. Vor allem, weil meine Eltern das Gegenbeispiel waren und etwas ganz anderes vorgelebt haben. Ich saß später oft in Talkrunden, in denen behauptet wurde, Rassismus gäbe es hier nicht. Es ist schon so, dass es ein ewiges Abarbeiten ist mit der Zugehörigkeit. Die Auseinandersetzung mit Identität, Hautfarbe und der Erfahrung, Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft zu sein, prägt. Und selbst der Feminismus weißer Mittelschichts-Frauen nahm die Unterdrückung schwarzer Frauen nicht in gleichem Ausmaß wahr. Inzwischen hat sich das etwas verbessert.