Etwas Nostalgisches durchweht das neue Album von Nandi Rose Plunkett alias Half Waif, was nicht unbedingt an dem sanftmütigen Opener "Fabric" liegt. Diesmal sind es ausnahmsweise nicht die 1980er Jahre, auf die referenziert wird. Vielmehr stöbert Rose im Strandgut des darauffolgenden Jahrzehnts: Sie spaziert an der Seite von Tory Amos, grüßt flüchtig Madonna und Björk, derweil von der Ferne Kate Bush herüberwinkt - auch wenn Rose selbst in einem älteren Interview die Schwedin Robyn als Inspirationsquelle angab.

"Half Waif" - also "halb Heimatlose" - bezieht sich indes weniger auf die Musik als vielmehr auf Roses Herkunft: Ihre aus Uganda emigrierte Mutter hat ihre Wurzel in Indien. Rose selbst wuchs in Williamstown, Massachusetts, auf und lebt mittlerweile im Bundesstaat New York. Ihre musikalische Karriere begann sie als freies Mitglied der Band Pinegrove, für die sie als Keyboarderin und Sängerin fungiert. 2019 heiratete sie Zack Levine, den Drummer der Band. Mit dem Album "Kotekan" feierte sie 2014 ihr Debüt als Half Waif, dem bis zum aktuellen Album noch drei weitere folgen sollten, auf denen sie auch immer wieder von Levine unterstützt wurde.

Ihr neues Album jedoch hat sie jedoch allein mit Hilfe des Soundtüftlers Zubin Hensler arrangiert, eingespielt und produziert. Diese Reduktion des Personals war keine schlechte Entscheidung. Zwischen stillen und theatralisch-ausufernden Passagen, zwischen Schmerz und Freude - und der ewigen Suche nach Liebe, dem mythopoetischen Element - gelingt es Rose, mit eingängigen Melodien zu überzeugen, sei es mit der schwebenden Leichtigkeit von "Sodium & Cigarettes", dem durchwachten, zweifelnden "Midnight Asks" oder dem wogenden "Orange Blossoms". Die ersten Takte von "Take Away The Ache" erinnern sogar an das psychotische Xiu-Xiu-Universum. Doch vor dem Wagnis, sich auch musikalisch in der Qual zu verlieren, wird dann doch zurückgeschreckt, wenn auch am Ende die Ernüchterung bleibt: "The more you love, the more you lie."

Und so ist Half Waif vielleicht doch auch Ergebnis eines musikalischen Wanderns: "Mythopoetics" ist stilsichere Popmusik, die bei sich selbst angekommen ist.