Die Achtzigerjahre haben immer Saison. Nur nicht bei allen auf einmal: Als die 1986 in Birmingham geborene Sängerin und Songwriterin Laura Mvula im Jahr 2013 ihr Debütalbum "Sing To The Moon" veröffentlichte, standen die Vorzeichen auf eine betont erwachsene Mischung aus Soul, R&B und Gospel, ergänzt um eine große Dosis Orchesterpop. Synthesizer, Drumcomputer und ein Outfit zwischen Aerobic-Hose und Dauerwelle spielten damals eine relativ untergeordnete bis eigentlich keine Rolle, sprich, sie kamen nicht vor.

Die Frau mit dem Kompositionsdiplom jedenfalls erwies sich als mehr als nur ein bloßes Talent. Und sie demonstrierte mit ihrer Musik, wie man mit einer ausdrucksstarken Stimme gegen üppige Instrumentierung besteht, ohne die Songs deshalb in Manier einer Mariah Carey oder Christina Aguilera (wer erinnert sich?) zu "zersingen". Die während ihrer Jugend unter anderem auch in einer A-cappella-Band geschulte Musikerin setzte auf dichte Vokalschichtungen und die Stimme als Instrument, das sich prächtig arrangieren lässt - sofern man es kann.

Eine Neuerfindung

Drei Jahre später wurde für das Album "The Dreaming Room" bis auf einen kurzen Gastauftritt von Chic-Mann Nile Rodgers am Konzept wenig geändert. Diesmal von einer Abordnung des London Symphony Orchestra unterstützt, hatte Laura Mvula außerdem ein zur Zeit passendes Statement dabei. Die Single "Phenomenal Woman" als Manifest der Weiblichkeit und feministische Ansage war der bis dahin fehlende Puzzlestein, der die Britin auch inhaltlich greifbar machte.

Trotz eines eingeheimsten Ivor Novello Awards und einer weiteren Nominierung für den renommierten Mercury Prize stellte sich der große kommerzielle Erfolg aber nicht ein. Laura Mvula blieb die Soul-Frau aus der zweiten Reihe. Ihr diesbezüglich nicht besonders verständnisvolles Label Sony Music betätigte daher den Notstopp und beschenkte sie mit Tagesfreizeit. Aus der anschließenden Krise meldet sich die Musikerin jetzt zurück, wie sich das in einem solchen Fall auch gehört: mit einer grundlegenden Neuerfindung. Man kennt das aus einschlägigen Ich-schneide-mir-die-Haare-ab-Hollywood-Filmen ebenso wie aus der einen oder anderen Midlife-Crisis aus dem echten Leben.

Sagen wir so, Laura Mvula dürfte in der Zwischenzeit die eine oder andere Humana-Filiale aufgesucht haben, um dort nicht grundlos Kleiderständer auf alte Aerobic-Hosen und Sakkos mit den gigantischsten Schulterpolstern der Welt hin abzusuchen. Niemand, so er sein Geld nicht ausgerechnet mit Profi-Football verdient, zieht so etwas an - sämtliche Hipster-Hotspots zwischen Ausstellungseröffnungen, Food-Trucks und Pop-up-Stores für unnötige Dinge miteingerechnet.

Gitarren aus dem Sterilraum

Positiv betrachtet erinnert diese Inszenierung samt kess-strengem Maschinenschnitt mitunter an die große Grace Jones. Negativ gesehen wird man in einer Art Retraumatisierungstherapie wieder mit den grässlicheren Seiten der Achtzigerjahre konfrontiert. Laura Mvula beweist dabei überhaupt keinen Genierer und schreckt, du liebe Güte, selbst vor den alten Sound-Presets von Genesis nicht zurück. Ein bisschen tapfer muss man für die zehn neuen Songs ihres dritten Albums also schon sein.

Laut der Protagonistin sei "Pink Noise" in erster Linie "sexy". Zwischen den schnittigen Synthiegrooves des auch von Dosentrompeten, Gitarren aus dem Sterilraum und Boy-meets-Girl- sowie natürlich Boy-loses-Girl-Geschichten geprägten Albums schlägt sich das nicht zuletzt in der Engtanzballade "What Matters" nieder, in der man Laura Mvula und Simon Neil von der schottischen Band Biffy Clyro beim ambivalenten Balzgesang hört: "I don’t know why I care so much / When it really doesn’t matter at all." Man kennt diese Fragestellung persönlich.

Über den schwer käsigen Ballroom-Soulpop von "Magical" mit seiner Anspielung an den "Purple Rain" von Mvulas frühen Förderer Prince über das händeringende "Golden Ashes", bei dem die Musikerin mit dichten Vokalarrangements wieder so klingt, wie man sie bisher kannte, geht es aber hin zum Kernstück des Albums, das sich an der vorletzten Stelle befindet: Inklusive sämtlicher Klischees bis zum gedoppelten "Hee!" in Kopfstimme gibt Laura Mvula hier den Michael Jackson aus der Retorte - und schreibt mit "Got Me" den größten Hit, den dieser seit den späten 90er-Jahren nicht mehr hatte. Fehlenden Mut kann man der Frau derzeit also sicher nicht attestieren.