Ebenso wie der nostalgische Akt, den Schlüssel im alten Benziner umzudrehen, um damit zwar definitiv ziel-, aber bestimmt nicht grundlos durch die Weite der Landschaft genusszufahren, ist auch dieses Album selbst eine wertkonservative Sache.

Womöglich hat es mit seiner Arbeit für den Film "Echo In The Canyon" von 2019 zu tun, mit dem sich Jakob Dylan auf die Spuren des elektrifizierten Folk-Rock der 1960er Jahre aus dem Laurel Canyon bei Los Angeles begab und dabei auf The Mamas And The Papas und David Crosby ebenso traf wie auf - für seinen letzten Auftritt vor der Kamera - Tom Petty, den alten Arbeitskollegen seines übermächtigen Vaters Bob Dylan aus Zeiten der Traveling Wilburys: Beinahe ein Jahrzehnt nach dem letzten Album seiner Band The Wallflowers jedenfalls präsentiert der heute 51-jährige Musiker und lebenslängliche Sohn seine bereits ursprünglich gut verwurzelte Deutung von Roots Rock mit den zehn neuen Songs von "Exit Wounds" noch einmal erdiger.

Hemdsärmelig

Wir sprechen von Musik, zu der auch David Duchovny in seiner Rolle als Hank Moody seinerzeit in der US-Serie "Californication" mit dem Benziner durch die Weite der Landschaft gefahren oder in einer Bar nach dem letzten Whiskey vom Hocker gefallen wäre. Es ist dieser gerne kunsthandwerklich angelegte und dabei aus der Zeit gefallen zeitlose Bass-Gitarre-Schlagzeug-Sound unter gelegentlicher Beigabe von Hammond-Orgel und Klavier, der auf dem Weg durch das Hinterland auch bei Truckern mit Gefühlen vorn im Fahrerhaus läuft, seit Jahrzehnten ohne Zugeständnisse an den Zeitgeist allein aus sich selbst schöpft und am besten als hemdsärmelig beschrieben ist. Wer auf ein neues Album vom Boss warten sollte: Das ist euer Ersatz!

Jakob Dylan hat in einer Art Privatstudium seinen Doktor darin gemacht und weiß, wie man einen Song wie "Roots And Wings" mit dem einen an Mark Knopfler erinnernden Gitarrenlick und einer generell nicht zu verleugnenden Tompettyhaftigkeit dorthin bringt, wo er letztlich landen sollte. Auch deshalb konnte der Personalstab von einst im Handumdrehen ausgetauscht werden. Die im Wesentlichen schon immer auf den Songs von Jakob Dylan und dessen Vortrag und Erscheinung an der Front basierenden Wallflowers sind heute endgültig sein von Mi(e)tmusikern unterstütztes Soloprojekt. Neben Butch Walker als Produzent wären heute Val McCallum an der Gitarre oder Shelby Lynne zu erwähnen, die Dylan bei vier Songs stimmlich beisteht. Ehernes Gesetz: Wo Gefühle regieren, braucht es in diesem Genre Mann-Frau-Gesänge.

Autofahrer unterwegs

Gefühle regieren bereits dem Albumtitel zufolge durchaus: Es geht um die Verwundungen, die man mitbringt, wenn man aus einer Sache (lebend) herauskommt - was gerade in pandemischen Zeiten für sich als Erzählung taugt. Wobei Jakob Dylan nicht auf die frohe Botschaft für die Zeit danach und nur beiläufig auf tatsächlichen oder ambivalenten Trost setzt wie in der Sperrstundenballade "Darlin’ Hold On", dem kämpferischen Heartland Rock von "Move The River" oder dem gemächlichen "I’ll Let You Down (But Will Not Give You Up)" in entfernter Verwandtschaft zum "Joker" der Steve Miller Band.

Manchmal macht sich mit wegweisenden Titeln wie "Maybe Your Heart’s Not In It No More", "I Hear The Ocean (When I Wanna Hear Trains)" oder "Wrong End Of The Spear" inhaltlich auch Ernüchterung breit. Dann darf es wie bei Hank Moody ein Ausflug in Spelunken ohne Lichteinfall sein, der es wieder richtet. Jakob Dylan erzählt uns davon in einem Song namens "The Dive Bar In My Heart", der sich wie der Großteil des Albums am unteren Rand des mittleren Tempobereichs bewegt.

Sicherheit geht vor: Wir hören jederzeit bremsbereite Musik in unfallvermeidender Autofahrer-unterwegs-Geschwindigkeit, die nur einmal halbherzig auf das Gaspedal steigt. Nach dem gehämmerten "Who’s That Man Walking ’Round My Garden" wird mit "The Daylight Between Us" bedächtig und ohne Blechschaden auch schon wieder eingeparkt - und die Garage geschlossen.