Eine Regel aus dem Showbusiness besagt: Wenig ist schwieriger, als im Popgeschäft alt zu werden - und kaum etwas leichter, als in diesem sehr schnell alt zu sein. Der 19-jährige US-Popsuperstar Billie Eilish scheint diesbezüglich allerdings einen neuen Rekord aufstellen zu wollen. Nach dem Blitzstart in eine Weltkarriere mit dem Album "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" im Jahr 2019 eröffnet bereits Machwerk Nummer zwei mit einem Song namens "Getting Older". Für dessen Haupterkenntnis - "Things I once enjoyed / Just keep me employed now" - mussten sich Generationen an Erwerbstätigen einst noch bis zur Midlife-Crisis ins Büro schleppen, Billie Eilish hat es bis dahin trotz eines rasch akkumulierten Multimillionenvermögens an Schmerzensgeld in rund zwei Jahren geschafft.

Auf Kniehöhe

Guten Morgen - und welcome to the machine: Nach Anfängen mit erhöhtem Identifikationspotenzial als eine von "uns", sprich als ganz normal wahnsinnige Jugendliche unter ganz normal wahnsinnigen Jugendlichen, meldet sich die Sängerin als Elder Stateswoman der Teenage Angst von der anderen Seite zurück. Heute wird weniger auf Augen- als vielmehr auf Kniehöhe zum Publikum nicht zuletzt vom Aufstieg zur Chartspitze und der Kehrmedaille des Ruhms gesungen. It’s the fame, stupid: Bezüglich dessen vormals von David Bowie bis hin zu Lady Gaga in seiner Ambivalenz gehuldigten Begleiterscheinungen (Drogen, Sex, innere Leere, Paparazzi ...) scheint es die gebürtige Kalifornierin eher mit Randy Newman zu halten: "Everybody knows my name / But it’s just a crazy game / Oh, it’s lonely at the top."

Allerdings wird der alte Klavierbarde etwas wehleidig und relativ speziell aus der Zoomer-Perspektive geremixt. Aktuell kündet etwa die Single "NDA" davon, in der uns Billie Eilish erzählt, warum sie sich im Alter von 17 Jahren ein eigenes Haus für ihre Affären gekauft hat, auf die sie sich übrigens nur dann einzulassen bereit ist, wenn diese einen Geheimhaltungsvertrag unterzeichnen: Liebe in Zeiten der Verschwiegenheitsklausel. Im Gegensatz zum üblichen Gequassel von toxischen Beziehungen im Falle des auf Basis einer Lagerfeuergitarre gegebenen "Your Power" und den einmal mit mehr oder weniger Bedeutung (Ghosting, Selbstermächtigung, der männliche Blick ...) aufgeladenen oder einfach nur banalen Girl-loses-Boy-Geschichten hinter Songs wie "I Didn’t Change My Number" oder "Male Fantasy" ist das aber wenigstens originell.

Traue keiner unter 30: Billie Eilish kontrastiert den Albumtitel "Happier Than Ever" (Universal Music) nicht von ungefähr mit einem Coversujet, auf dem sie mit entrücktem Blick und tränennasser Wange posiert, während der gleichnamige Titelsong im Grande Finale mit einem stilistischen Ausreißer namens 90er-Jahre-Rock einen ehemaligen Boyfriend adressiert. Vieles ist sehr kompliziert - und alles ist möglich. Gerade auch musikalisch ist dem abermals im Self-made-Format mit ihrem Bruder Finneas produzierten Album zwar Langweile, aber jedenfalls keine Eintönigkeit zu attestieren. Bei Song Nummer acht hat man bereits mindestens acht unterschiedliche Genres gehört und befindet sich doch erst in der Halbzeit dieser mit 51 Minuten zu ausufernd geratenen Nabelschau, der es an Tempo, Nachdruck und Spannung fehlt.

Musikalische Sedative

"Happier Than Ever"-Albumcover. 
- © Universal Music

"Happier Than Ever"-Albumcover.

- © Universal Music

Diesmal ergänzt um mit Vintage-Patina überzogene Sperrstundengesänge, bei denen im Jazzkeller vor dem geistigen Auge bereits die Sessel auf den Tischen stehen und der Boden gewischt wird (wenigstens hier hat man es schon hinter sich!), bekommt man es neben diversen Einsprengseln aus Bossa Nova, (Old-School-)Hip-Hop, Folkpop, der guten alten Londoner Bassmusik oder einer stillen Andacht in der Kirche ("Goldwing") auch mit ziemlichen musikalischen Sedativen zu tun. Nicht zuletzt über die Auftaktsingle "My Future" ist zu sagen, dass sie für ein Liebeslied an die eigene Zukunft erstaunlich lebensmüde klingt.

"Though you’ve never seen my body, you still judge it / And judge me for it / Why?": Den Höhepunkt ihres musikalischen Minimalismus sowie ihrer "Systemkritik" als ständig einem Urteil ausgesetzte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und Bodyshaming-Opfer auf der Suche nach einem Safe Space erreicht Billie Eilish übrigens mit dem Sprechstück "My Responsibility". Warum sie umgekehrt einen Ex-Lover an den Pranger stellt und diesen im gleichnamigen Song für seine Arbeitslosigkeit als "Lost Cause" beschämt, wäre allerdings interessant. "Happier Than Ever" ist eine Enttäuschung.