Eigentlich hätte die Pandemie mit ihrer sozusagen systemimmanenten Tendenz, Künstler in die Isolation zu treiben, Experimente, ungewöhnliche, kühne Ansätze forcieren müssen. Aber viel ist da in den letzten eineinhalb Jahre nicht gekommen. Dafür sind dieser Tage mit Darkside und den Liars regelrechte Klassiker der experimentellen Populärmusik mit neuen Werken vorstellig geworden. Die Liars haben wegen ihrer wesentlich längeren künstlerischen Vita den gewichtigeren Status; gleichwohl haben sich Darkside mit ihrem vergleichsweise schlanken Werk bereits eine enorme - und berechtigte! - Reputation erspielt.

Wohltemperiert

Darkside sind Sänger und Elektroniker Nicolás Jaar und der gerne als Multi-Instrumentalist bezeichnete Brooklyner Dave Harrington. In erster Linie ist Harrington aber Gitarrist, und zwar ein ganz hervorragender: Sein Spiel klingt, wie der "Musikexpress" sehr hübsch schreibt, "wie ein beschwipster Singvogel, der die Reste von der Gartenpartybowle aufgesüffelt hat und sich nun an Bachs Brandenburgischen Konzerten versucht".

2013 ist, nach einer vielbeachteten EP, Darksides Debütalbum "Psychic" erschienen und hat Kritiker zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Acht Jahre und eine zwischendurch verkündete Auflösung später sind Jaar und Harrington auch schon mit dem Nachfolger zur Stelle. Wieder besteht sein Titel, "Spiral" (Matador), aus nur einem Wort mit zwei Silben, aber sonst ist ziemlich alles anders. Während "Psychic" einige recht heftige, laute Passagen enthielt und auch einmal ordentlich aufs Gas stieg, ist bei "Spiral" alles gemächlicher Fluss und selbst in den (durchaus vorhandenen) avancierteren Tempozonen wohltemperiert.

Oft klingt da eine Art ethnisch durchzogener elektronischer Folk durch, wie er so noch kaum gehört wurde bzw. vor Lichtjahren und auf einer viel populistischeren Ebene einmal beim Liverpooler Duo It’s Immaterial durchgeklungen haben mag - die kosmopolitische Mitgift des in Chile und den USA aufgewachsenen Jaar. Natürlich ist das Ganze weit davon entfernt, idyllisch zu klingen, aber mit allen seinen Brüchen, Dissonanzen und Stilwechseln vermittelt "Spiral" doch einen erstaunlich "runden", fast freundlichen Eindruck.

Dabei sind die Inhalte, transportiert von einer dieser höheren, sonoren, leicht klagenden Stimmen, wie man sie im Elektronik-Bereich (Bob Moses, Washed Out, auch Porches) gerne antrifft, ein typischer Widerhall dieser verwirrenden und bisweilen verstörenden Zeit. Denn so rätselhaft sie bisweilen im Detail sein mögen, kreisen sie thematisch deutlich erkennbar um die gesellschaftlichen und individuellen Herausforderungen, Be- und Entfremdungen, die mensch heute in irgendeiner Weise zu meistern hat: "Don’t sow what you reap / Don’t feel what you see" wird da recht schön das Schwinden verlässlicher Bezugspunkte, dieses Nicht-mehr-Wissen, wo Anfang und Ende sind, auf den Punkt gebracht.

Urpersönlich

Auch Angus Andrew hat gerne und oft mit Motiven der - nicht notwendigerweise nur erlittenen, teilweise auch selbst forcierten - Identitätsverwirrung gespielt. Nicht nur, was seine optische Präsentation betrifft, sondern auch seine musikalischen Verpuppungen, vom Post-Punk des Debütalbums über Elektronik bis zu schepperndem Industrial-Rock. Für "The Apple Drop" (Mute), das zehnte Album unter dem Namen Liars, arbeitete er erstmals mit einer Co-Texterin, Mary Pearson, Sängerin des Brooklyner Psycho-Elektronik-Duos High Places, zusammen. Dass Pearson auch Andrews Ehefrau ist, erklärt vielleicht die urpersönliche Anmutung von Zeilen wie "They told me I’m a juiced up, worn out sad sack / I can’t figure out what I’m trying to do here, except stand around and be a dick".

Vielleicht auch, weil Andrew seine Angstzustände so weit in den Griff bekommen hat, dass er sie nicht mehr mit Antidepressiva übertauchen muss, klingen die
Liars, zwischen Rock und diszipliniert im Zaum gehaltener Elektronik, hier so zugänglich, dicht, kompakt und zugleich vielseitig wie eigentlich noch nie. Stellenweise scheinen sich nun ihre Wege mit denen der Swans zu kreuzen, die ja ihrerseits eine lange Reise von sonischen Terrorakten zu einer unanbiedernden Verträglichkeit hinter sich haben.