Viel ist im Sommer 1969 passiert. Charles Manson hinterließ eine Blutspur, erstmals stand ein Mensch auf der Oberfläche des Mondes und Woodstock fand statt. Während dieses Musikereignis, das das Hippiezeitalter in schlammige, ikonische Bilder goss und auch gleichzeitig mit den Klängen von Janis Joplin und Jimi Hendrix sein Ende einläutete, bis heute praktisch jedem ein Begriff ist, musste ein anderes Festival von 1969 bis jetzt warten, um wieder an die Öffentlichkeit zu kommen. An sechs Wochenenden fand in New York das "Harlem Cultural Festival" statt. Das fabelhafte Line-up von Stevie Wonder bis Nina Simone sowie die Stimmung des praktisch nur schwarzen Publikums wurden auf Film aufgezeichnet - und dann lagen diese Filmrollen 50 Jahre in einem Keller.

Das ist ein Schicksal, das durchaus symbolhaft für den Umgang mit Black History, also der Geschichte der Schwarzen in den USA steht. Umso mehr, als dieses Festival für die Community viel mehr war als nur irgendein Konzertreigen. Das macht die Dokumentation "Summer of Soul - ... or, when the Revolution could not be televised" deutlich, die der Hiphop-Künstler Questlove aus dem Kellerfund gemacht hat und die nun auf Disney+ zu sehen ist.

Tony Lawrence, ein Mann, der heute nur einen sehr kurzen Wikipedia-Eintrag hat, stellte das Event auf die Beine. Er brachte die Stadt New York dazu, hinter dem Projekt zu stehen, der damalige Bürgermeister war ein liberaler Republikaner, der die Zeichen der Zeit sah - man befand sich in einer unsteten Ära nach den Attentaten auf John F. Kennedy, Malcolm X und Martin Luther King.

Lawrence schaffte es, Künstler und Musiker zu überzeugen, engagierte Black Panther als Security und stellte ein Programm zusammen, das ein schillerndes Spektrum der damaligen Strömungen der Black Music vereinte. Von Gospel über Blues, Motown und Cuban-Afro-Jazz bis zum Funk. Aber nicht nur das: Diese Zusammenstellung ist gleichzeitig eine Momentaufnahme der Entwicklung, in der sich das schwarze Amerika zu dem Zeitpunkt befand. Alles auf dem "Harlem Cultural Festival" zielte darauf ab, stolz darauf zu sein, dass man schwarz ist. Kein leichtes Unterfangen, wenn man etwa wie eine der Besucherinnen die erste Schwarze in einer vorher rein weißen Universität ist und dementsprechend gemobbt wird. Sie schöpfte Kraft in der Musik von Nina Simone. Ihre Heldin trat auch bei dem Festival auf, mit einem Styling "wie eine afrikanische Prinzessin", und gab ihren Zuhörern kämpferisch die Hoffnung, dass es möglich sei, "young, gifted and black" zu sein. Das war einer der dezidiert politischen Auftritte des Festivals, aber auch unpolitische wie der von David Ruffin von den Temptations stifteten Gemeinsamkeit: "Motown - das waren unsere Idole, wir fanden das toll, dass sie Durchbrüche feierten", erklärt eine Besucherin. Das gilt auch für Gladys Knight, die mit den Pips auftrat und sich erinnert, dass ihr schon damals klar war, dass es hier nicht nur um Musik ging: "Hier sollten unsere Leute uns aufrichten."

Kings Lieblingslied

Denn es hatte Rückschläge gegeben in der Bürgerrechtsbewegung (das Ende der Segregation war erst fünf Jahre her!), und einer der berührendsten Momente der Doku veranschaulicht die emotionale Lage: Reverend Jesse James erzählt von den letzten Minuten von Martin Luther King. Der Mann, an den der Sterbende seine finalen Worte gerichtet hatte, steht auch auf der Bühne, denn er ist Musiker: "Du solltest jetzt ,Precious Lord, take me home‘ spielen", hatte King damals zu ihm gesagt. Und das tat er nun. Mahalia Jackson und Mavis Staples singen, und das mit einem Schmerz in der Gospel-Improvisation, dass es einem Schauer über den Rücken jagt.

Dass es auch eine Zeit war, die in die Zukunft drängte, zeigen die Auftritte von der Band "5th Dimension", die sich über die damals herrschende Segregation, dass schwarze Musiker keinen Pop machten, hinwegsetzte und den (weißen) Musical-Hit "Aquarius" sang. Und natürlich Sly and the Family Stone, in dessen "Familie" nicht nur eine Frau spielte, sondern auch ein Weißer.

Selten hat eine Musikdoku so viel Geschichte mit den Gefühlen, den Hoffnungen und der Bewusstseinsschaffun, die dahintersteckt, vermittelt. Die Mondlandung kommt übrigens auch vor: Die Festivalbesucher fänden das Geld besser in Armutsbekämpfung investiert. Und einer sagt fröhlich: "Der weiße Mann fährt nach Afrika, der weiße Mann fliegt zum Mond, ich bleibe lieber mit den Puerto-Ricanern hier in Harlem und hab ein bisschen Spaß."