Hast du es auch schon gesehen? Die Jill hat wieder einen dicken Bauch. Dabei sitzt der Jack jetzt am Abend immer draußen in seinem Buick und weint. Angeblich läuft wieder was zwischen ihm und der Betty, seit ihr der Joe weggerannt ist. Und das bei dem Kredit auf das Haus - und noch bevor die Kate in die Schule kommt!

Am Sonntag in der Messe haben sie sich nur einmal kurz in die Augen geschaut. Und gleich hat der Pastor diesen Blick gehabt, als es diesmal nicht der Ausschnitt war, der ihm an der Jill zuerst aufgefallen ist. Und dann hat er recht schön über das Leben gesprochen und welchen Wert es hat, weißt du? Er hat ja erst drei Tage vorher den Billy beerdigt. Warum geht der auch in der Nacht auf den Schienen spazieren? Die Sue meint, dass es die Pulverln waren, aber das hat sie auch nur von der Madison gehört, der es die Avery gesagt hat, von der ja bekannt ist, dass sie gern redet, wenn sie gluckgluck, na, du weißt schon. Sie ist ja jetzt auch schon seit fünf Jahren allein, und was soll sie denn machen, seit ihr Dad ein Pflegefall ist? Kannst du dich noch erinnern, als sie die Prom Queen war? Oh! Mein! Gott! Was haben wir sie damals beneidet!

Innenschau mit Zupfgitarre

Jetzt ist schon wieder was passiert. Und Brandon Flowers hat es aufgeschrieben. Fast auf den Tag ein Jahr nach ihrem letzten Album haben seine Killers allerdings einen gewissen Kurswechsel vollzogen. Kam "Imploding The Mirage" mit allem Glamour und Bombast noch als Machtdemonstration für das Stadion daher, zu der pandemiebedingt leider nur daheim im Wohnzimmer getanzt werden konnte, dreht "Pressure Machine" (Universal Music) nun weitgehend das Licht ab - und setzt zwischen melodieseligen Midtemposongs sowie Kontemplationen mit Zupf- und traurig den Mond anheulenden Steelgitarren auf die Innenschau.

Der Bandchef und Rockmillionär aus der Glücksspiel- und Glitzermetropole Las Vegas hat sich an sein Aufwachsen in der von bescheidenen Verhältnissen geprägten 6.000-Seelen-Stadt Nephi im Bundesstaat Utah erinnert und dürfte nicht nur zwecks Inspiration für einen Besuch wieder vor Ort gewesen sein. Davon künden zwischen die Songs gemischte Field Recordings, in denen Einheimische zu dräuend-dröhnenden Sounds aus ihrem Leben berichten: "It’s a nice community, everybody knows everybody", "I don’t travel much" oder "Every two or three years the train kills somebody" ist da zu hören.

Für seine biografisch verwurzelten, aber fiktionalisierten Texte selbst hat sich Flowers erstmals noch vor der Arbeit an der Musik in die Schreibstube zurückgezogen, um seinen sonst auf zwei Strophen beschränkten Songs mitunter noch eine dritte hinzuzufügen - und stärker denn je in Bruce-Springsteen-Manier den Storyteller aus dem Leben des kleinen Mannes zu geben. Der spuckt vor der Erwerbsarbeit (der Hochofen schläft nicht!) auch zu Hause noch in die Hände: "I’ll get up and cut the grass / Ain’t nothing wrong with working class."

Feindliche Gegend

"Pressure Machine"-Albumcover.

"Pressure Machine"-Albumcover.

Wir hören Geschichten von grundsätzlich aufrechten Leuten, die mit festem Glauben und Schusswaffen durch den Alltag gehen und manchmal ihre Frauen bescheißen. Außerdem bekommt man wieder die alte Regel erklärt, dass es im Herzen des Heartland Rock nur zwei Arten von Menschen gibt: Jene, die ihren Träumen noch hinterherlaufen, und jene, die sich längst damit abgefunden haben, dass nichts Besseres nachkommt.

Zwischen "Terrible Thing" als Coming-of-Age-Geschichte eines suizidalen Homosexuellen in einer für ihn feindlichen Gegend und etwas Nature Writing aus der weiten amerikanischen Weite sind es nicht zuletzt Songs wie "In Another Life" und "In The Car Outside", die die gute alte Zeit und das beschwerliche Heute ebenso beschwören wie das Wegwollen und Nichtmehrnachhausekönnen. Zum Thema Schuld und Sühne steht diesmal die Mörderballade "Desperate Things" auf dem Programm, in der sich ein Police Officer in ein Gewaltopfer verliebt und den Übeltäter beseitigt.

Damit das Ganze nicht allzu trostlos gerät, haben es aber auch die beiden Stücke "Sleepwalker" und "The Getting By" auf das Album geschafft. Selbstverständlich hat Brandon Flowers vom Boss gelernt, dass es neben den großen Hits (wofür hat man einen Backkatalog?) und einem Arbeitsethos, das jenem des Publikums um nichts nachsteht (Blut, Schweiß und Tränen ...) auch Lieder benötigt, die Zuversicht und Hoffnung verbreiten. Die Jill und der Jack haben sich übrigens auch wieder zusammengerauft.