Nein, er hat sich die Idee nicht vom Hansi Hinterseer abgeschaut. Und auch nicht von diesen anderen TV-Musikanten, die mit Quetschn, Schlagzeug und Keyboard in "bärigen" Videos auf der Alm stehen. Lukas Kranzelbinder, Jazz-Bassist und Leiter der heimischen Erfolgsband Shake Stew, ist von allein auf den Gedanken verfallen, Bergwanderungen mit Konzerten zu kombinieren. "Das war überhaupt das erste Projekt, das ich umgesetzt habe", sagt er. "Ich lasse mich ja gern von Räumen inspirieren und habe mich gefragt, was das mit einem anstellt, wenn man auf dem Berg improvisierte Musik spielt. Es ist absurd, dass wir in Österreich so unfassbar viele Berge haben und Musik dort fast keine Bedeutung hat."

Bei seinem ersten Bergauftritt hatte der Kontrabassist allerdings eine Gefahr zu gewärtigen, die ihm auf der Bühne nicht gedroht hätte: Kühe stürmten auf den Trompeter der Gruppe los, die Musiker flüchteten. Eine Attacke? Oder ein Liebesbeweis von muhenden Musikfreunden? Kranzelbinder: "Sie fühlen sich offenbar magisch angezogen von der Trompete. Ich glaub ja, dass Kühe ganz große Jazzfans sind. Aber ich weiß es nicht. Wenn so eine Kuh auf einen zurennt, wird man jedenfalls ehrfürchtig."

Mit dem Kontrabass bergauf

Aus derlei Unbilden hat Kranzelbinder gelernt. Beim Jazzfestival Saalfelden veranstaltet er nun zwei garantiert Attacken-freie Wanderungen: Die Termine am 19. und 21. August führen, wohlweislich abseits von Weiden, zur Lettlkaser Alm beziehungsweise zum Naturkino am Asitz. "Wir gehen gemeinsam mit dem Publikum hinauf, spielen ab und zu bei einer Pause am Weg und geben dann am Ziel unser Konzert."

Wie tut sich Kranzelbinder beim Aufstieg mit seinem Instrument? Immerhin spielt er nicht gerade ein Leichtgewicht. "Ich hab mir eine Tragehülle mit Rucksack besorgt, ich schleppe insgesamt 15 bis 20 Kilo. Aber die Route trägt dem Rechnung. Darum können auch Kinder und ältere Menschen gut mitgehen." Bei der ersten Wanderung wird der Bassist als Teil von Mario Rom’s Interzone, dem gefeierten Energiebündel-Trio, auftreten, beim zweiten Aufstieg marschiert er in einem Quartett mit US-Schlagzeuger Jim Black - ein Auto karrt die Trommeln an den Zielort.

Von Jazzpreis überrascht

Und Kranzelbinders Band Shake Stew? Hat heuer in Saalfelden Pause, ist seit Ende des Lockdowns aber wieder umtriebig unterwegs. Das Septett mit den sengenden Solos, den hypnotischen Grooves und der weltmusikalischen Würze hat jüngst eine Tour durch Deutschland absolviert und dabei auch der Elbphilharmonie in Hamburg eine Visite abgestattet. Kranzelbinder: "Es ist momentan extrem viel los. Die Veranstalter haben nach Möglichkeiten gesucht, auch im Sommer zu spielen, vor allem outdoor. Hoffen wir, dass man auch im Herbst und Winter Musik genießen kann." Ein weiterer Glücksmoment für Shake Stew: Die Gruppe, die mit der Saxofonistin Astrid Wiesinger nun auch eine Frau in ihren Reihen hat, ist heuer mit dem deutschen Jazzpreis als beste internationale Band bedacht worden. "Das hat uns zusätzlich Aufwind verliehen", sagt Kranzelbinder, der sich die Trophäe stolz in seinem Büro aufgestellt hat.

Dort lagern auch schon die Bänder für das nächste Band-Album. Das ist seit Frühling im Kasten, soll aber erst im nächsten März (abgesehen von einer bereits erschienenen Single) das Licht der Musikwelt erblicken. Warum so spät? Weil die Veröffentlichung an eine Tour geknüpft ist und sich diese nicht mir nichts, dir nichts organisieren lässt. Der Aktionsradius von Shake Stew reicht ja mittlerweile weit über Österreich hinaus. Läuft alles nach Plan, wird das Album international beworben. Denkbar aber natürlich auch, dass es 2022 erneut auf Unwägbarkeiten der Pandemie zu reagieren gilt. Kranzelbinder: "Man muss flexibel bleiben. Aber ich mache mir keine Sorgen. Bei der Band hat bisher alles wie von selbst funktioniert, die Musik geht ihren Weg. Ich muss eigentlich nur schauen, dass ich das bestmöglich begleite."