Das Albumcover ist kriminell. Es zeigt die 24-jährige Songwriterin Ella Marija Lani Yelich-O’Connor alias Lorde in einer Art freiwillig gewählten Upskirting-Pose, wobei definitiv kein Rock und womöglich gar kein Textil involviert ist. Man sieht außer einem Strand, viel blauem Himmel und noch mehr langen Beinen also buchstäblich nach Hause.

Fans in China oder den Vereinigten Arabischen Emiraten bekommen deshalb auch nur eine zensierte Version präsentiert, die aussieht, als würde der Sängerin die Sonne aus dem Hintern scheinen. Und selbst Stephen Colbert übte sich auf CBS in vorauseilendem Gehorsam und enthielt dem Publikum seiner "Late Show" die Originalfassung vor.

Der Geist des Wassermanns

"Solar Power"-Albumcover.

"Solar Power"-Albumcover.

Zum Glück für die Sittenpolizei wird das dritte Album der neuseeländischen Musikerin aber ohnehin nicht als CD in den Handel kommen. Darauf wird diesmal aus Klimaschutzgründen verzichtet. Wer nicht bereit ist, "Solar Power" (Universal Music) über einschlägige digitale Pattformen zu beziehen oder zu streamen, kann eine ökofreundliche Box erwerben, die neben handschriftlichen Notizen und Fotos auch einen Download-Code enthält. Für Boomer und andere alte Säcke über 30 erfreulich, liegen die zwölf neuen Songs aber zumindest auf gutem altem Polyvinylchlorid vor, über dessen CO2-Bilanz wir jetzt lieber schweigen.

Wie es der Titel und das Coversujet bereits nahelegen, präsentiert sich Lorde derzeit künstlerisch neugeboren. Nach ihrem Millionenhit "Royals" als Karriereauftakt, dem reduziert elektronisch und mit viel Raum für ihre Stimme angerichteten Debütalbum "Pure Heroine" von 2013 und dem vier Jahre später gleichfalls wenig euphorisch gestimmten Zweitling "Melodrama" mit Breakup- und Selbstzweifel-Hintergrund geht heute also vorerst die Sonne auf. Gleich zum Auftakt mit "The Path" regieren Zupfgitarren, Querflöte, spirituell angehauchte Gruppengesänge und ein Sound, der den Geist von The Mamas & The Papas und das Zeitalter des Wassermanns aus dem Musical "Hair" beschwört. Man fährt also mit im Wind wehenden langen und vom Badetag nassen Haaren die US-Westküste entlang und bekommt dazu auch Rauchwaren in die Runde gereicht.

Ähnlich wie zuletzt Billie Eilish verarbeitet zwar auch Lorde mit ihren neuen Songs den Aufstieg zum Gipfel der Charts und die desillusionierenden Erfahrungen mit der Glitzerwelt, sie zieht daraus aber andere Schlüsse. Gelegentlich esoterisch angehaucht und immer mit ohne Schuhen, bevorzugt Lorde die Flucht in die Hippie-Idylle der 60er Jahre und verabschiedet sich gleich mit mehreren tiefenentspannten Songs von unserer Hochleistungs- und Hektomatikwelt.

Lust auf den Ruhm oder die mit diesem verbundene Arbeit scheint die aktuelle Generation an Popstars jedenfalls nicht mehr zu haben: "Born in the year of OxyContin / Raised in the tall grass / Teen millionaire having nightmares from the camera flash / Now I’m alone on a windswept island / Caught in the complex divorce of the seasons / Won’t take the call if it’s the label or the radio", heißt es zum Auftakt - und, in der titelgebenden Vorabsingle, der das Kunststück gelang, mit Songs wie "Freedom", "Sympathy For The Devil", "Loaded" oder "Rock DJ" sowohl bei George Michael, den Rolling Stones, Primal Scream und Robbie Williams abzukupfern: "And I throw my cellular device in the water / Can you reach me? No, you can’t." Gewissermaßen befindet sich Lorde damit auf Augenhöhe mit ihrem Publikum. Auch dieses denkt spätestens eineinhalb Jahre nach Ausbruch der Corona-Pandemie über die Möglichkeit nach, nach dem Ende derselben zu einer besseren Work-Life-Balance zu finden.

Innere Mitte

Lordes Krise, die mit den betont lebensbejahenden neuen Songs überwunden sein soll, ist übrigens das Ergebnis einer Karriere, die sich seit ihrem 13. Lebensjahr in Planung befand und schon im Alter von 16 Jahren explodierte. Im von Flangergitarren getragenen "Secrets From A Girl (Who’s Seen it All)" umarmt die Musikerin dann auch ihr 15-jähriges Ich mit der Botschaft aus der Zukunft, dass alles okay sein wird. Anderswo klingt Lordes Betrachtung der vergangenen und vergehenden Zeit eher ernüchtert: "I thought I was a genius / But now I’m 22 ..."

Wenn die Sängerin gerade nicht mit der Selbstbespiegelung als Popstar im Zweifel beschäftigt ist, interveniert bei Stücken wie "Fallen Fruit" oder "Leader Of A New Regime" aber auch die Klimakrise in die Texte. Oder Lorde übt sich, wie in "Dominoes" über einen Ex-Kokainisten, der als Urban-Gardener und Yoga-Freund seinen Frieden findet, in Storytelling. Mit "Big Star" ist außerdem ein Trauergesang für ihren verstorbenen Hund mit dabei.

Überraschung: Zumindest über Teile der 43 Spielminuten klingt das alles besser, als es sich anhört. Vielleicht haben wir in der Zwischenzeit aber auch einfach nur unsere innere Mitte gefunden.